Home Desktop
Shadow

Frühlingsgedanken Autor: Dipl.-Theol. Heinrich Dierkes, Wissenschaftlicher Referent am zebis, Hamburg aus: Kompass 03/2018

Ich habe es heute Morgen gehört. Wirklich! Und ich denke, es war nicht das erste Mal in diesen Tagen. Und ich habe mich so gefreut – über das fröhliche Gezwitscher von Vögeln in der frühen Morgenstunde. Noch nicht wild und intensiv, aber so schön. Leicht. Dieser (noch) dezente Gesang verhilft so wunderbar in den neuen Tag – und er erzählt davon, dass langsam aber sicher eine neue Zeit bevorsteht. Die Tage werden wieder länger und manchmal liegt schon jetzt – nicht nur durch den fast vorsichtigen Gesang der Vögel – etwas Frühling in der Luft. Auch wenn es bis zum kalendarischen Frühlingsanfang noch ein wenig dauert und die Nächte auch noch immer kälter werden – die Sehnsucht nach dem Frühling ist jetzt schon da. Zumindest bei mir. Tief und umfangreich!

Ich merke aber auch, dass diese Sehnsucht noch größer geworden ist, seit unsere Tochter auf der Welt ist. Der Winter mit seiner Dunkelheit und den ständig und überall bedrohlich arbeitenden Viren ist für uns seither eine besondere Herausforderung. Auf sich selbst kann man achten, sich impfen lassen oder auch bestimmte Situationen vermeiden. Bei so einem kleinen Wesen ist das so viel schwieriger und der kalte Winter erscheint so viel länger als ohnehin. Die Nase läuft eigentlich immer und fast jeden Tag gibt es in der Krippe oder im Kindergarten einen neuen Virus. Und die Tage sind wirklich so lange dunkel und die Zeit, an der frischen Luft die Abwehrkräfte zu stärken, ist wirklich nur so kurz … Da freut man sich besonders auf den Frühling. Auf Licht. Auf Schönheit. Auf Wärme. Auf neues Leben eigentlich.

Neues Leben. Anderes Leben. Darum geht es ja auch in der Fastenzeit. Eingefahrene Lebensgewohnheiten sollen aufgebrochen werden. Ich bin eingeladen, mich zu fragen, wo ich wirklich frei bin – und was mich unfrei macht. Ich kann darüber nachdenken, was mich begrenzt, was mich einengt – und dann überlegen, wie ich mein Leben verändern kann, zu einem „neuen“ Leben gelange. Die vierzig Tage vor Ostern laden zu einer neuen Blickrichtung auf das eigene Leben ein. Und das kann so wunderbar befreiend sein: Dunkles kann hell werden, Routine kann sich in Kreativität verwandeln und Verwelktes kann wieder aufblühen. Neues Leben eben! Eigentliches darf wieder wichtig werden. Wenn ich mich auf den Weg mache, darf ich auf die Spur kommen: Was ist wichtig für mich, worauf kann ich verzichten und wofür lebe ich eigentlich?

Und so denke ich wieder, dass der Lauf des (Kirchen-)Jahres, dass die Nachfolge Jesu Christi so besonders nahe an unserem Leben ist: Mitten in der Dunkelheit des Winters wird uns (durch morgendliche Vogelstimmen) die Hoffnung auf den Frühling geschenkt. Die Tage werden langsam länger. Mitten in die Kälte und die Lebensferne der winterlichen Tage wird die Möglichkeit gegeben, sich auf das Osterfest, auf das neue und ganz andere Leben durch die Auferstehung Christi vorzubereiten. Und das dürfen wir dann schließlich in aller Fröhlichkeit und Versöhntheit feiern. Versöhntheit schließlich auch mit sich selbst.

Schritt für Schritt, zunächst eher langsam, verändert im Frühling die Natur endlich wieder ihr Gesicht. Der Vogelgesang, die aufgehende, rote Morgensonne, der blaue Himmel schenken Hoffnung. Auf neues Leben. Und dann hört die Nase hoffentlich auch wieder auf zu laufen … Endlich!

Shadow