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Rahmen, Autor: Pastoralreferentin Carola Lenz, Katholisches Militärpfarramt Osterholz-Scharmbeck, aus: Kompass 10/2017

Weltoffen – wer will nicht so gesehen werden? Da ist der Zugang zu Medien aller Art, da kommen Informationen und Spieleangebote aus allen Teilen der Welt, da locken uns Einkaufsmöglichkeiten, von denen unsere Großeltern nicht einmal träumten. Reisen ist erschwinglich, zu jeder Zeit, fast an jeden Ort. Das Bild, das wir von unserem Planeten haben, wurde allmählich größer, breiter, etwas unübersichtlich. Doch Sie akzeptieren dieses Bild vermutlich so wie ich. Weshalb nur fällt es in unseren Gesellschaften so schwer, auch einen anderen Rahmen für dieses globale Bild zu akzeptieren? Parteientwicklungen und Wahlen zeigen an vielen Stellen überdeutlich: Unser globales Bild hängt schief in den Angeln der alten nationalen Bilderrahmen. Ein neues Bild braucht einen neuen Rahmen. Europa könnte so ein Rahmen sein, der gleichzeitig Entfaltungsmöglichkeit und Grenzen setzt für die ausufernde globale Herausforderung.

Jesus war einer, der Grenzen hinterfragte (vgl. Lk 5,33–39). Doch er wusste auch, dass man den alten Rahmen nicht einfach ohne Gefahr ersatzlos sprengen kann. Neuer Wein zerreißt alte Schläuche. Vielleicht ist die heutige Rückkehr des Nationalismus der verzweifelte Versuch, die alten Weinschläuche zu flicken und für den neuen, den noch gärenden Wein wieder zu verwenden. Reichlich suspekt scheint das Neue zu sein, das vielleicht Größere und damit auf den ersten Blick auch Instabilere. Das muss sich ja alles erst einmal bewähren. Wer genau hinschaut auf Jesu Worte, kann Folgendes bemerken: Mut ist es, den wir Menschen durch alle Zeiten brauchen; Mut, einem neu gebauten Rahmen die Chance auf Bewährung zu geben. Mut.

Solchen Mut braucht auch das andere, das wir von Jesus kennen. Denn er konnte den Rahmen belassen, wo er noch zu gebrauchen war, und diesen Rahmen dann mitgestalten. Er hat sozusagen manchmal einfach ein bisschen über den Rand hinaus gemalt. Das geschah zum Beispiel, als seine Freunde sich am Sabbat, als Arbeit verboten war, einige Ähren am Feldrand zum Verzehr abpflückten. Das entsprach nicht eins zu eins den Buchstaben des jüdischen Gesetzes, das von Jesus sehr wohl als Rahmen seines Handelns akzeptiert wurde. Mit seinen Worten malt er gemäß dieser Erzählung einfach ein bisschen auf dem Rahmen herum, indem er darauf hinweist, dass die Gesetze für den Menschen da seien und nicht umgekehrt. Die Gesetze, die ihm mit seinen jüdischen Glaubensbrüdern den guten Lebensrahmen bieten.

Welche Rahmen sind in Ihrem Leben gesetzt? Ich meine damit nicht nur politische Rahmen oder religiöse. Ich meine die Rahmen, die Ihren Alltag ganz konkret begleiten. Der Alltag in der Familie ist bei Vielen vom guten und sicheren Rahmen der Ehe begrenzt und gehalten oder soll es vielleicht bald werden. Der Dienstalltag wird eingerahmt von Weisungen und Gesetzen, die stützen oder einschränken können. Da entstehen doch nicht selten Fragen, wie mit solchen Grenzen umzugehen ist, wie haltgebend sie sind? Wie viel Begrenzung können die betreffenden Menschen, also Sie und Ihre Mitmenschen, Ihre Kameraden wirklich aushalten? Wo liegt der Gewinn der Begrenzung, der Reglementierung, wo muss zum Beispiel dienstlich dem Menschen zuliebe mal buchstäblich darüber hinweggesehen werden? Und wie lässt sich der Rahmen der Ehe fruchtbar machen als Halt für alle Seiten, welche Absprachen, welche Zugeständnisse oder Kompromisse können Leben in den Rahmen bringen? Muss möglicherweise eine Beziehung den stabileren Rahmen bekommen, wenn Kinder die Zweisamkeit bereichern?

Es muss, mit Jesu Bild gesprochen, nicht der alte Schlauch für den neuen Wein sein oder der frische Flicken auf dem alten Kleiderstoff. Niemand muss es auf die Zerreißprobe ankommen lassen, wenn er oder sie den Rahmen rechtzeitig bedenkt, gegebenenfalls austauscht – wenn nötig, vielleicht aber einfach nur anpasst oder durchdacht mitgestaltet.

Carola Lenz, Pastoralreferentin
Katholisches Militärpfarramt Osterholz-Scharmbeck

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