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Hinter geöffneten Türen beginnt das Staunen Autor: Pastoralreferent Constantin Rhode, Katholisches Militärpfarramt Wesel, aus: Kompass 12/2017

Ihr Blick ist gebannt. Ihre Augen sind ganz weit geöffnet. Ebenso ihr Mund. Völlig regungslos stehen Sie da. Wer dieses Bild einmal gesehen hat, dem wird schnell klar, hier ist jemand tief beeindruckt. So wie hier beschrieben sehen Menschen aus, die ins schiere Staunen versetzt wurden. Häufig erleben wir das bei Kindern. Ihre Welt steckt noch voll von Überraschungen. All das, was wir schon dutzende, wenn nicht gleich hunderte Male gesehen, erlebt und reflektiert haben, beeindruckt uns nicht mehr so schnell und so intensiv.

Doch auch wir kennen diese Erfahrung aus unserem Leben. Sicher nicht so häufig und bestimmt nicht mehr ganz so intensiv wie aus einem Kindermund. Aber hier und da kommt auch uns nur noch ein staunendes „Oh“ über die Lippen. Vielleicht ist dies der Besuch eines fremden Landes, einer fremden Kultur im Urlaubsort. Vielleicht ja auch eine unverhoffte Begegnung oder das (Neu-)Kennenlernen einer bestimmten Person.

Ich erlebe solche Situationen oft bei jungen Familien. Denken Sie an den ersten Nachwuchs, der aus einem Paar eine Familie macht. Viele frisch gebackene Väter und Mütter verharren in stiller Betrachtung ihres neugeborenen Kindes. Hier werden Worte irrelevant. Ganz versunken sind alle in den neuen Erdenbürger, der uns mit seinen großen Augen anschaut. Hier ist es genau umgekehrt: Das Kind, das noch so viele erstaunliche Augenblicke in seinem Leben vor sich hat – es bringt alle um sich herum zum Staunen.

Weihnachten lädt uns alle ein, wieder zu Staunenden zu werden – damals, wie heute. Diese Erfahrung mussten schon die Augenzeugen von Jesu Geburt machen. Den Hirten, die vor Betlehem mit ihrer Herde lagerten, wurde die Geburt des Gottessohnes auf Erden verkündet. Daraufhin machten sie sich auf den Weg zur Krippe (siehe Lukas-Evangelium, Kapitel 2). Und auch die heiligen drei Könige verharrten schweigend, anbetend und staunend vor dem Jesuskind (siehe Matthäus-Evangelium, Kapitel 2). Selbst von Maria und Josef sind keine großen Worte überliefert. Vielmehr schwiegen sie in der Heiligen Nacht und standen staunend um die Krippe gereiht.

„Das Staunen ist der Beginn der Erkenntnis.“ So beschrieb es einst der griechische Philosoph Platon. Wer staunt, den packt das Interesse: an der Natur, am Menschen, an der Technik. Als adventliche, als weihnachtliche Menschen sind wir interessiert am Gegenüber. Wer staunt, der ist bereit, sich überraschen zu lassen. Von Wegen, die wir eingefahren wähnten, von bekannten Beziehungen, von Menschen, die wir glaubten, allzu gut zu kennen. Das Staunen mündet dabei in die Freude. Die Freude am Lernen. Die Freude am Leben. Die Freude an der Liebe.

Seien wir offen für die Welt um uns herum. Ich wünsche Ihnen, dass Sie es schaffen, sich in dieser vorweihnachtlichen Zeit mindestens einmal ins Staunen versetzen zu lassen. Dazu ruft uns die Geburt Jesu an Weihnachten auf. Der Sohn Gottes teilt unsere menschliche Existenz. Als Säugling. Das Staunen darüber ist dabei der Beginn der Demut. Denn wie es in der dritten Strophe des bekannten Weihnachtsliedes „Menschen, die ihr wart verloren“ (Gotteslob Nr. 245) heißt: „Seht, der kann sich selbst nicht regen, durch den alles ist und war“. Wenn das nicht staunenswert ist, was ist es dann?

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