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Soldatenleben – womit müssen der Soldat und seine Angehörigen rechnen?

Dr. Peter Wendl im Interview mit Gertrud Maria Vaske (Chefredakteurin „Ethik und Militär“)


Welche üblichen Belastungen gibt es für die Soldatin bzw. den Soldaten im Auslandseinsatz?

Peter Wendl: Unsere Arbeiten belegen: Soldatenfamilien haben besondere Ängste durchzustehen. Zu den sozialen Ängsten gehört insbesondere die lange Abwesenheit von daheim. Die Herausforderungen einer Fernbeziehung sind hier zuerst zu nennen. Die Entfernung von den Lieben und Freunden zuhause. Insbesondere auch die lange Entfernung von Kindern ist schwierig. Auch das Vermissen der gewohnten Umgebung und der vertrauten Umstände. Hinzu kommt die Multimobilität der Soldatinnen und Soldaten. Denn mit der Rückkehr ist der Einsatz nicht automatisch beendet. Die Faustregel besagt, dass für das Familiensystem eine etwa gleich lange Zeit vonnöten ist, bis sich die Familieneinheiten wieder eingespielt haben werden, wie die Trennung selbst gedauert hat. Die zweite Ebene der Herausforderungen sind physische Bedrohungen: Dazu gehören leibliche Gefährdungsszenarien (Angst vor Verwundung, Tod, etc.). Eine dritte Ebene beschreibt Ängste, die rund um die Phänomene von seelischer (psychischer) Gefährdung kreisen. Damit sind mögliche Erfahrungen gemeint, die nicht ohne Weiteres verarbeitet werden können und eine längere Belastung für die Psyche bedeuten könnten.

© Katholische Universität Eichstätt, ZFG

© Katholische Universität Eichstätt, ZFG

Der Umgang mit Tod im Auslandseinsatz ist in Deutschland unter Soldaten nicht der Regelfall. Trotzdem nehmen gewisse Themen an Brisanz zu wie etwa die Anzahl deutscher Soldaten mit posttraumatischem Syndrom, kurz PTPS. Womit muss ein Soldat oder eine Soldatin im Auslandseinsatz Ihrer Meinung nach fest rechnen bzw. worauf wird er (ohnehin) vorbereitet?

Peter Wendl: Die Forschung rund um die psychische Belastbarkeit, seelische Fitness, Resilienz oder Salutogenese versucht zu klären, wann und wie Menschen mit besonderen Belastungen prophylaktisch vorbereitet werden können – und wie sie im konkreten Ernstfall ideal begleitet werden können. Wir stehen hier trotz großer Fortschritte noch immer in den Kinderschuhen im Klären der wissenschaftlichen Bedingungen. Fakt ist, dass tausende von Soldaten und Soldatinnen mit extremen Grenzsituationen konfrontiert waren, die mit gewöhnlichen Copingstrategien nicht ohne weiteres im Alltag daheim zu integrieren sind. Ich nenne als Beispiel nur die Kampfeinsätze in Afghanistan und als eine gänzlich andere Herausforderung Kameraden und Kameradinnen der Marine, die gegenwärtig, jeden Tag aufs Neue, auf den Kriegsschiffen mit unendlichem menschlichem Leid und Tod, im Kontext flüchtender Menschen, im Mittelmeer konfrontiert sind. Sich auf solche Belastungen vorzubereiten, ist sehr schwer – und dennoch unerlässlich wichtig. Das Mindeste ist, dass mögliche Szenarien angedacht und vorbereitet werden und dass besondere Bilder und Erlebnisse gemeinsam besprochen werden. Letztlich aber wird der Einzelfall immer dann unberechenbar, wenn das Szenario mit konkretem menschlichem Schicksal verbunden auftritt. Hier kommt der Inneren Führung, der Militärseelsorge, dem ganzen Psychosozialen Netzwerk, der Familienbetreuung und allen Gremien, die an der Vor- und Nachbereitung von Soldaten und Soldatinnen mit ihrem sozialem Umfeld beteiligt sind, eine zentrale Schlüsselposition zu.




Um auf Ihre Fragestellung konkreter zurückzukommen: Vorbereitet wird der Soldat/die Soldatin insbesondere, wen würde es überraschen, auf die „soldatischen Herausforderungen“. Alle psychosozialen Herausforderungen für Partnerschaft, Erziehung, Gesundheit etc. müssen aber auch unmittelbar dazu gehören. Hier gibt es sicherlich noch großen Handlungsbedarf, auch wenn schon große Fortschritte gemacht wurden. Vor und nach dem Auslandseinsatz braucht es Raum und Zeit für die Verarbeitung mit der Truppe, mit den Angehörigen, vor allem aber auch Eigenzeit mit sich selbst. Wie bei jedem Beruf in einer greedy institution, die den ganzen Menschen fordert (ich möchte den Vergleich mit Polizisten, mit Feuerwehrleuten, mit Rettungsdiensten oder Ärzten wagen), kann nicht jedes Erlebnis vorbereitet werden. Aber jedes Erlebnis kann nachbereitet werden. Das muss ein zentraler Maßstab sein, wenn uns die Menschen wertvoll sind, die uns anvertraut sind.

PTBS bedeutet, dass die seelische Belastungsstörung auch erst nach Jahren auftreten kann. Dann müssen die Betroffenen sofort ernst genommen werden. Dann müssen sie unbürokratisch und schnell Kompetenzzentren und Anlaufstellen kennen – und nicht erst suchen müssen.

Was sind die größten Herausforderungen für die Familie, wenn ein/e Soldat/in in den Auslandseinsatz geht – vor, während und nach dem Einsatz?

Peter Wendl: Die Herausforderungen sind sehr unterschiedlich. Die Belastungen für einen Single können ganz anders gelagert sein als bei einer jungen Familie oder für reife Paare, die vor der Pensionierung stehen. Kinder erleben die Entbehrung des Vaters oder der Mutter ganz individuell und viel emotionaler als die älteren Angehörigen, die manches rational einordnen können. Manche kleineren Kinder fragen sich beispielsweise, ob sie „Schuld“ seien, dass Papa oder Mama so lange weg ist. Andere haben überhaupt noch keine ausgeprägte Zeitvorstellung, um sich darüber klar zu werden, wie lange der Elternteil weg sein wird. Hier braucht es eine altersadäquate Vorbereitung.

Trennungen durch Auslandseinsätze und Versetzungen stellen Soldatenfamilien vor Herausforderungen. © Bundeswehr / Elbern

Trennungen durch Auslandseinsätze und Versetzungen stellen Soldatenfamilien vor Herausforderungen. © Bundeswehr / Elbern

Neben der konkreten Entbehrung des Partners/der Partnerin rund um die Einsätze kommen sicherlich die Ängste, aber eben auch die stressige Vorbereitungszeit dabei zum Tragen. Darüber hinaus wirken sich die Nachwirkungen aus, bis die Erfahrungen weitgehend verarbeitet sind. Wenn Sie so wollen, müssen die Familien zuerst – mehr oder weniger mühevoll – lernen, ohne den Abwesenden den Alltag zu gestalten. Nach der Rückkehr müssen alle Beteiligten lernen, den Rückkehrern wieder einen neuen Platz einzuräumen. Kaum ein Paar, kaum eine Familie, kann nach dem Einsatz einfach da weitermachen, wo und wie es vor dem Einsatz wirkte. Das ist normal. Aber es ist auch eine elementare Chance der Verlebendigung für jede Beziehung. Vielleicht muss man sich dafür aber ein wenig von sozialromantischen Vorstellungen der Selbstverständlichkeit im Alltag und in der Liebe verabschieden.

Was kann die Familie tun?


Peter Wendl: Meine Schlagworte lauten hier: Nicht verschonen, offen Ängste und Bedürfnisse, Erwartungen und Schwierigkeiten austauschen. Sich der Verbundenheit versichern und: reden, reden, reden. Kinderängste ernst nehmen, und ehrlich beantworten. Übrigens auch die unangenehmen Fragen nach möglichen Gefahren können altersgemäß ehrlich beantwortet werden, ohne Panik zu schüren. Wenn klar gemacht wird, dass es Gefahren gibt, der Papa oder die Mama aber sehr gut vorbereitet sind.

Die Frauenquote bei der Bundeswehr liegt gerade einmal bei knapp über zehn Prozent. Wie ist Ihre Erfahrung mit weiblichen Soldaten – gehen sie anders mit den Herausforderungen um und inwiefern?


Peter wendl:
Zunächst darf ich ganz persönlich sagen, dass ich weibliche Soldaten in meinen fünfzehn Jahren, in denen ich in diesem Bereich arbeite, als definitiv große Bereicherung erlebt habe. Die Herausforderungen als Soldatin sind sehr ähnlich. Ein Unterschied liegt allerdings darin, dass beispielsweise aufgrund der Abwesenheiten (Mobilitätsanforderungen wie z. B. dem Auslandseinsatz) ein schlechtes Gewissen gegenüber Kindern und der Familie unter Umständen eine größere Rolle spielt, als bei männlichen Kameraden. Insbesondere wenn Kinder noch sehr jung sind, wird das greifbar. Die konkrete Vereinbarkeit von Familie und Dienst ist für Frauen mit Kindern meist komplizierter und noch emotionaler. Ansonsten greifen analoge Mechanismen und Bedingungen, unabhängig vom Geschlecht.

Trennungen in Soldatenbeziehungen sind keine Seltenheit. Was können diese Paare im Vorfeld für die Partnerschaft tun?


Peter Wendl:
Letztlich scheitern auch Soldatenbeziehungen an der nicht gelingenden Kommunikation zwischen den Partnern. Entscheidend ist hier vor allen Dingen, immer wieder das so genannte „Partnerwissen“ abzuklären. Damit ist gemeint, dass sich Erwartungen und Ängste über den gemeinsamen Lebenslauf naturgemäß verändern. Auch Sinnfragen verändern sich im Lauf des Lebens. Diese anderen Voraussetzungen zu klären und entsprechende Weichen für die Beziehungsplanung zu stellen, wird mit entscheidend dafür sein, ob beide Partner und Kinder das Gefühl haben, dass sie mitentscheidend sind.

Abschied am Pier © Bundeswehr / Fischer

Abschied am Pier © Bundeswehr / Fischer

Soldatenfamilien müssen vielleicht noch mehr als andere Familien und Paare immer wieder neu gemeinsam Perspektiven überdenken und entwickeln. Eine lebenslange Sicherheit und Entschiedenheit gibt es dabei nicht. Menschliche Erwartungen und Abneigungen verändern sich in diesem beruflichen Kontext.
Die Bedingungen des Soldatenberufs erfordern eine spezielle Wachheit füreinander. Hier gilt es für den Dienstherrn und alle „für- und seelsorgerlichen“ Gremien und Institutionen für Unterstützung zu sorgen. Auch in diesem Bereich gilt: Ein Selbstläufer ist es nicht. Aber eine große Chance auf lebenslang erfüllende Partnerschaft gibt es allemal!

Die Bundeswehr hat Rekrutierungsprobleme. Weniger als 10.000 von 12.500 Stellen des Freiwilligen Wehrdienstes konnten im letzten Jahr besetzt werden. Dazu tragen unter anderem die schwere Vereinbarkeit von Bundeswehrkarriere und Familie bei. Was kann Ihrer Meinung nach die Bundeswehr diesbezüglich verbessern? Was sollte einem Bewerber klar sein?

Peter Wendl: Sicherlich sind die Bedingungen besonders. Per se familienfreundlich ist der Soldatenberuf nicht wirklich. Das wissen alle Betroffenen selbst. Dennoch erlebe ich täglich erfüllte und glückliche Soldatenfamilien. Und es kann festgehalten werden, dass die Rahmenbedingungen in den vergangen zwanzig Jahren um ein Vielfaches verbessert wurden in den zentralen Fragen. Zugleich bleiben selbstredend große Baustellen diesbezüglich offen. Und doch wird letztlich immer eine entscheidende Perspektive dafür verantwortlich dafür sein, ob der einzelne Soldat/die Soldatin seine/ihre ganz persönliche Situation als familienfreundlich empfindet: Das sind die Möglichkeiten, die entscheidenden Einschnitte und Übergänge des (Familien-)Lebens dynamisch mitgestalten zu können. Dass der Soldatenberuf hier natürliche und klare Grenzen setzt, ist selbstredend klar. Aber eine solche Mitgestaltungsmöglichkeit ist definitiv keine Utopie. Ich erlebe den überwiegenden Teil der Soldatinnen und Soldaten als hochmotivierte Menschen, die sich der Gefahren und Belastungen bewusst sind. Die Vorteile und positiven Aspekte des Soldatenberufs sind für viele Soldatinnen und Soldaten mit ihren Familien letztlich aber entscheidend. Es sind die Lebenswenden und -einschnitte, es sind nicht selten die persönlich herausfordernden Zeiten, für die sich Soldatenfamilien mündige Mitsprachemöglichkeiten und Gestaltungsflexibilität wünschen.

Herr Wendl, wir danken Ihnen für das offene Gespräch!

         

Dr. Peter Wendl ist Diplom-Theologe sowie Einzel-, Paar- und Familientherapeut. Als wissenschaftlicher Projektleiter am Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt koordiniert er mehrere Projekte zum Themenbereich Partnerschaft, Familie und Fernbeziehung.

In Zusammenarbeit mit der Katholischen Militärseelsorge hat das ZFG unter anderem die Broschüre "Zusammen schaffen wir das!" herausgegeben.

 

Weitere Artikel zu sozialen und ethischen Themen in den Streitkräften finden Sie im kostenlosen E-Journal "Ethik und Militär", herausgegeben vom Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften (zebis).

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