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Zwischen Seelsorge und Sozialarbeit – Militärseelsorge im UNIFIL-Einsatz

UNIFIL ist ein UN-Einsatz zur Stabilisierung des Libanon. © KS / Barbara Dreiling

UNIFIL ist ein UN-Einsatz zur Stabilisierung des Libanon. © KS / Barbara Dreiling

Oberstabsgefreiter Florian ist ein junger, sportlicher Heeressoldat, er schaut wohlwollend auf die Menschen und ihre Umgebung. Wenn man ihn nach seinen Erfahrungen fragt, sprudelt geradezu aus ihm heraus, was seine Neugier auf das Leben aufgesaugt hat. Kein Wunder, er ist Kraftfahrer des Deutschen Teams im UN-Camp in Naqoura im Libanon an der Grenze zu Israel. Zusammen mit Soldaten aus über vierzig Nationen ist er Teil des UNIFIL-Einsatzes. Die ‚United Nations Interim Force in Lebanon‘ ist eine UN-Mission, die seit 2006 als bewaffnete Blauhelmmission die Souveränität und Stabilität des Libanon unterstützen soll.

Übung in Völkerverständigung

UNIFIL ist seine erste Auslandsverwendung und das UN-Camp bringt ihm Erfahrungen mit Kameraden aus vielen Ländern, die oft ganz anders ticken. An diesem Abend gab es Unstimmigkeiten, welcher Wachtposten den ausfahrenden Gästen die Pässe zurückgibt. Sie einigten sich, aber unweigerlich kommt einem der Gedanke, dass die Vereinten Nationen in diesem Camp selbst Völkerverständigung üben.

Oberstabsgefreiter Florian und Oberstabsgefreiter Steven sind im UN-Camp in Naqoura stationiert. © KS / Barbara Dreiling

Oberstabsgefreiter Florian und Oberstabsgefreiter Steven sind im UN-Camp in Naqoura stationiert. © KS / Barbara Dreiling

Ein anderer deutscher Soldat, Oberstabsgefreiter Steven, hat die Deutsche Delegation an der Wache abgeholt und die Türen des weißen Fahrzeugs selbst von außen geöffnet. Eher notwendig als höflich, denn gepanzerte Fahrzeuge haben bleischwere Türen. Oberstabsgefreiter Steven ist ebenfalls Kraftfahrer, aber es ist nicht sein erster Einsatz. Er war schon in Afghanistan, wo die Luft dicker über den Camps hängt. Er ist vorsichtiger, macht seinen Job, der für ihn Alltag ist und weniger Überraschungen bereithält als für Oberstabsgefreiten Florian.

Militärdekan Janusz Kudyba

So ist es auch diesmal. Als Kraftfahrer hat er den Auftrag, den Katholischen Militärdekan Janusz Kudyba und drei weitere Mitarbeiter der deutschen Katholischen Militärseelsorge am Eingang des Camps abzuholen. Militärdekan Kudyba läuft zu Fuß in das Camp und überlässt die drei freien Plätze in dem sicheren Fahrzeug seinen Gästen. Er kennt sich hier aus, denn das UN-Camp gehört wie der UN-Stützpunkt im Hafen von Limassol (Zypern) und die Korvette der deutschen Marine vor der Küste Libanons zu seinem Seelsorgebereich. Seine Aufgabe ist es, für die Christen und jeden Soldaten, der kommen möchte, Gottesdienste anzubieten und als Seelsorger zur Verfügung zu stehen. Sein Einsatz dauert von Anfang Mai bis Ende Juli 2015, dann wird er von einem evangelischen Kollegen abgelöst.

Militärdekan Janusz Kudyba begleitet schon zum siebenten Mal Soldaten im UNIFIL-Einsatz  © KS / Barbara Dreiling

Militärdekan Janusz Kudyba begleitet schon zum siebenten Mal Soldaten im UNIFIL-Einsatz © KS / Barbara Dreiling

Janusz Kudyba ist ein großer, breitschultriger Mann, der zupacken kann und sofort mit Soldaten ins Gespräch kommt. Er ist schon zum siebenten Mal als Katholischer Militärseelsorger im UNIFIL-Einsatz, jeweils für drei bis fünf Monate. Dabei lebt er mit der Mannschaft an Bord der Korvette oder im Marinestützpunkt in Limassol. Es ist gut, dass „jemand da ist, mit dem man auch mal über andere Dinge reden kann“, sagen Marineoffiziere im UN-Camp in Naqoura. Der Militärseelsorger bietet, was es sonst im Einsatz nirgendwo gibt, einen geschützten Raum. Er ist kein Soldat und steht außerhalb der militärischen Hierarchie. Vom Mannschafter bis zu den Offizieren will er für alle da sein, betont Kudyba. „Sehr junge Soldaten gehen lieber zum Pfarrer als zum Truppenpsychologen“, erklärt Oberstabsgefreiter Steven, denn der Truppenpsychologe entscheidet mit, wenn es um Versetzung und Aufstieg geht. Der Pfarrer ist zum Schweigen verpflichtet, immer und gegenüber jedermann.

Gottesdienst als Auszeit vom Alltag

Sonntags um elf lädt er zum Gottesdienst im Marinestützpunkt Limassol ein. Flink fegen seine Hände das Laub vom Altar im Kirchenzelt. Es ist mit einem Tarnnetz überspannt, das keinen Regenschutz, aber Schatten bietet. Den robusten Holzaltar und das Ambo hat ein früheres Kontingent selbst gebaut. Dort packt der Pfarrer seinen Kultkoffer aus, in dem alles kompakt verstaut ist, was er braucht: Altartuch, Altarkreuz, Lektionar, Messbuch im Kleinformat, Kerzen, Leuchter, das Soldatengesangbuch, Kelch, ein kleines Fläschchen Messwein und Hostien für die Eucharistiefeier. Auf einen seitlichen Tisch stellt er Getränkedosen und Plastikbecher und sogar zwei Flaschen Wein, die er für den traditionellen Kirchen-Cocktail nach dem Gottesdienst spendiert.

Gottesdienst mit Marinestützpunkt in Limassol. © KS / Barbara Dreiling

Gottesdienst mit Marinestützpunkt in Limassol. © KS / Barbara Dreiling

Eine kleine Gruppe im sandfarbenen Tarnanzug hat sich zum Gottesdienst eingefunden, sie singen Lieder aus dem Soldatengesangbuch und beten einen Psalm im Wechsel. Für die meisten Soldaten ist es nicht so wichtig, ob sie hier an einem katholischen oder evangelischen Gottesdienst teilnehmen. Manche kommen, weil sie an ihre Familien denken, von denen sie getrennt sind, weil sie sich der Gefahren des Einsatzes bewusst sind und weil der Gottesdienst eine kurze Auszeit vom militärischen Alltag bedeutet. Militärdekan Kudyba kennt viele Anliegen und wenn ihn jemand darum bittet, formuliert er im Gottesdienst Fürbitten daraus.

Sechs Stunden Wache, sechs Stunden Freizeit

Wenn er mit der Bootsbesatzung auf See ist, gibt es keinen Sonntag, sondern nur den Sechs-Stunden-Rhythmus. Insgesamt sieben bis zehn Tage bleibt die Korvette vor der Küste des Libanon. Die Mannschaft arbeitet in dieser Zeit in zwei Schichten zu jeweils sechs Stunden: Auf sechs Stunden Wache folgen fünf Stunden und zwanzig Minuten Freizeit oder Schlafen, dann vierzig Minuten Zeit vom Aufstehen zum Antreten, dann wieder sechs Stunden Wache. „Einerseits wächst das Miteinander“, wenn man an Bord miteinander lebt, sagt Militärdekan Kudyba. Andererseits „werden die lange Zeit und die Enge zur Belastung, besonders wenn man immer nur das Meer sieht.“ Deshalb ist es ihm wichtig, für die Soldaten Ausflüge zu organisieren, wenn sie ihren freien Tag haben.

Gottesdienst an Deck der Korvette. © Janusz Kudyba

Gottesdienst an Deck der Korvette. © Janusz Kudyba

In seinen vielen Monate als Seelsorger im UNIFIL-Einsatz hat er nicht nur die Marine und die Regeln auf einem Kriegsschiff kennengelernt, sondern auch den Libanon und seine kulturellen Schätze. Wenn Soldaten mit ihm an Land gehen, dann lernen sie zum Beispiel die einstige Kreuzfahrerstadt Byblos kennen oder die religiöse Vielfalt des Libanon: Ist das Leben in Beirut vorwiegend muslimisch geprägt, kann man in den Bergen im Nordosten von Beirut griechisch-katholische Wallfahrtsstätten besuchen. Im Winter könnte man die Pisten im Skigebiet um Faraya ausprobieren und anschließend den Kontrast auf sich wirken lassen, wenn man nach diesem Tag auf etwa 2000 Metern Höhe wieder an Bord geht. Mit dem Auto braucht man nur anderthalb Stunden vom Gebirge bis zur Küste.

Und die Familie?

Aber es ist nur ein Tag Abwechslung vom Rhythmus der Sechs-Stunden-Schichten. Wer dabei sein kann, lernt Geschichte und Kultur des Libanon kennen – und Militärdekan Kudyba. Man kann ja nie wissen. Vielleicht braucht man doch irgendwann jemanden, der die gleiche Sprache spricht und mit dem man über alles reden kann.

Gestaltung der Freizeit ist wichtig im Marinealltag. © Janusz Kudyba

Gestaltung der Freizeit ist wichtig im Marinealltag. © Janusz Kudyba

Wenn Oberstabsgefreiter Steven frei hat, nutzt er die Zeit, um bei seiner Frau und bei seinem Kind zu sein. Er sagt, dass es hart sei für ihn und seine Frau. Aber es ist „ein besseres Arbeiten im Einsatz als zu Hause am Standort. Ich hab es mir so ausgesucht“, gesteht er. Als Heeressoldat im Marineeinsatz könne er schließlich Sonderurlaub für Familienheimfahrten nehmen.

Leben in der Schusslinie

„Das sind übrigens die Schutzbunker“, erklärt Oberstabsgefreiter Florian im Vorbeigehen. Wenn es gefährlich wird in der Schusslinie zwischen Hisbollah und Israelis müssen die Soldaten in den gleichmäßig über das Camp verteilten Betonquadern in Deckung gehen. Die Schießscharte auf Kopfhöhe ist akkurat aus der halben Meter dicken Wand ausgespart. Noch steht der Quader unverletzt, wie eine Eins. Doch Oberstabsgefreitem Florian ist die Lage bewusst: „Es wird einem schon flau, wenn man mit irischen Kameraden spricht, die 2006 während des Kriegs [Libanonkrieg, 12. Juli bis 14. August 2006 – Anm. d. Red.] hier waren.“ Auf einem seiner täglichen Wege kommt er an einer Gedenktafel für einen gefallenen Soldaten vorbei. Seit dem Beginn des UNIFIL-Einsatzes im Jahr 1978 sind 249 Soldaten ums Leben gekommen.

Barbara Dreiling

Interview mit Oberstabsgefreitem Florian und Oberstabsgefreitem Steven, Kraftfahrer im UN-Camp in Naqoura

Wie waren die ersten Tage im UNIFIL-Einsatz für Sie?

OStGefr Florian: Am Anfang fühlt man sich überrumpelt, besonders, wenn es der erste Einsatz ist. Dann hat man ein paar Tage mit sich zu tun, damit man sich in so eine dynamische Gruppe einfühlt. Nach etwa drei Wochen ist es mir leichter gefallen mit offenen Augen durch die Gegend zu gehen, zu fahren.

Was haben Sie dann gesehen?

OStGefr Florian: Die Kontraste sind schon atemberaubend, da sieht man die Moschee und die Madonnenfiguren direkt nebeneinander. Andererseits die Armut: Als ich die Mutter mit den kleinen Kindern am Straßenrand in Beirut gesehen habe, wie sie irgendwelche Papierhandtücher verkaufen, und ich konnte nichts machen.

Ich habe auch gemerkt, dass wir als Deutsche hier sehr angesehen sind. Wenn wir außerhalb des UN-Camps unterwegs sind, werden wir oft angesprochen. Man muss hier schon weltoffen sein, wenn man sich nur im Camp verschließt, das geht gar nicht.

Warum stehen bei Ihnen nur die Vornamen auf dem Namensschild?


OStGefr Steven: Aus Sicherheitsgründen. Ich habe Frau und Kind und wenn ich nach Hause telefoniere, bin ich mir ziemlich sicher, dass es abgehört wird.

Ist das nicht sehr schwer für Sie und Ihre Familie?


OStGefr Steven: Es ist hart, aber für meine Frau ist es schwerer als für mich. Es ist ein besseres Arbeiten im Einsatz als zu Hause am Standort. Ich hab es mir so ausgesucht. Im Marineeinsatz kann ich Sonderurlaub für Familienheimfahrten nehmen. Für Verheiratete ist der Flug kostenlos.

War es schwer für Sie als Heeressoldat in einem Marineeinsatz zurechtzukommen?

OStGefr Florian: Es ist mein erster Kontakt mit der Marine, aber mein Vorgänger auf diesem Posten hat mir alles gezeigt, wir waren hier einen Monat zusammen und ich konnte ihn alles fragen. Wir sind eine überschaubare Gruppe, kein ganzes Kontingent und die Mischung aus Mannschaftern des Heeres und Marineoffizieren gefällt mir ganz gut.

Haben Sie manchmal Angst?

OStGefr Florian: Ja. Es wird einem schon flau, wenn man zum Beispiel mit irischen Kameraden spricht, die 2006 während des Kriegs [Libanonkrieg, 12. Juli bis 14. August 2006 – Anm. d. Red.] hier waren.

Die Fragen stellte Barbara Dreiling.

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