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Zuflucht in Erbil

Militärseelsorge bei der Ausbildungsunterstützung im Nordirak

von Barbara Dreiling
Militärpfarrer Jörg Plümper in der "Zuflucht", dem Bereich der Militärseelsorge im Multinational Camp in Erbil © KS / Barbara Dreiling

Militärpfarrer Jörg Plümper in der "Zuflucht", dem Bereich der Militärseelsorge im Multinational Camp in Erbil © KS / Barbara Dreiling

Der Katholische Militärpfarrer Jörg Plümper lässt sich von einem deutschen Offizier die Ausbildungsschritte erklären. Er schaut zu, wie die kurdischen Soldaten taktisches Vorgehen bei der Verteidigung von Häusern und Straßenzügen erlernen. An einem Sandkastenmodell überblicken sie von oben, welche Gefahren im offenen Gelände lauern und wie sie sich selbst schützen können. Der Ausbilder der Bundeswehr spricht Englisch und Sprachmittler übersetzen für die kurdischen Soldaten.

Ausbildung der kurdischen Soldaten für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat © KS / Barbara Dreiling

Ausbildung der kurdischen Soldaten für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat © KS / Barbara Dreiling

Pfarrer Plümper weiß, worum es bei solchen Übungen geht. Er war selbst Soldat und blieb über seinen Wehrdienst hinaus noch ein Vierteljahr länger bei der Bundeswehr. Statt der Rangabzeichen trägt er jetzt das Kreuz der Katholischen Militärseelsorge auf den Schulterklappen. So ist er als Seelsorger erkennbar.

Als Militärseelsorger ist er nun für 150 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr bei der deutschen Ausbildungsunterstützung im Nordirak nahe der Stadt Erbil im Einsatz. Die meisten von ihnen gehören zum Gebirgsjägerbataillon 232 aus dem bayerischen Bischofswiesen, andere Soldaten aus allen Teilen Deutschlands sind als Spezialisten für Verwaltung, Sicherheit, Sanitätsdienst oder Presse dabei

Eine deutsche Soldatin trainiert mit den kurdischen Kämpfern taktisches Vorgehen. Ein Sprachmittler übersetzt. © KS / Barbara Dreiling

Eine deutsche Soldatin trainiert mit den kurdischen Kämpfern taktisches Vorgehen. Ein Sprachmittler übersetzt. © KS / Barbara Dreiling

Ihr leichter Dialekt verrät, dass Hauptfeldwebel Thomas und Oberstabsgefreiter Dominik aus Süddeutschland kommen. Von Sonntag bis Donnerstag fahren sie am frühen Morgen in gepanzerten Fahrzeugen aus dem Camp zu den Übungsstätten der kurdischen Soldaten rund um die Stadt Erbil. Frühstück gibt es für die Bundeswehr-Soldaten unterwegs, danach beginnen sie mit der Ausbildung. An diesem Vormittag geht es bei Thomas und Dominik um Panzerabwehr. Sie trainieren die kurdischen Kämpfer, wie sie mit Sprengladungen versehene Fahrzeuge stoppen können, damit sie nicht in Menschenmengen rasen und Viele in den Tod reißen. Am Nachmittag bereiten sie weitere Trainingseinheiten vor, während die kurdischen Soldaten ihren zivilen Berufen nachgehen, um ihre Familien ernähren zu können.

Die kurdischen Streitkräfte bereiten sich auf die Unterstützung bei der Rückeroberung der Stadt Mossul vor, die etwa 80 Kilometer westlich von Erbil liegt. Der Osten der Stadt wurde bereits von der irakischen Armee befreit, doch das Westufer des Tigris ist zum Teil noch in der Hand der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Hauptfeldwebel Thomas erlebt seine irakischen Auszubildenden als „sehr dankbar“ und motiviert, haben viele doch schon Erfahrungen im Kampf gegen den IS. Manch einer ist dabei verwundet worden.





Die trockene Wärme hängt mittags wie eine Glocke über dem Camp. Staub liegt in der Luft, feiner Sand begleitet die Kameraden bis vor die Stubentür. „Zuhause ist tiefster Winter, hier hat es Tagesdurchschnitts-Temperaturen von 22 Grad und durch die Stadtnähe ist hier sehr intensiver Smog“, charakterisiert Thomas den klimatischen Unterschied.

Container als Wohn- und Arbeitsräume im Multinational Camp in Erbil © KS / Barbara Dreiling

Container als Wohn- und Arbeitsräume im Multinational Camp in Erbil © KS / Barbara Dreiling

Viereinhalb Monate sind die Soldaten in Erbil im Einsatz, viereinhalb Monate in einem Camp, das 159 mal 129 Meter misst. Dazu kommt noch der Bereich der US-Army auf dem ehemaligen Flughafen von Erbil. Einige haben sich ein Mountainbike besorgt, um auf der gesamten Base beweglicher zu sein. Was die meisten vermissen, ist Bewegung und ein größerer Radius. Sich außerhalb des Militärgeländes aufzuhalten, ist vor allem ein Sicherheitsrisiko, zudem wissen die Bundeswehr-Soldaten um ihren Auftrag und vermeiden jeden Anschein von Tourismus, erklärt Thomas.

Drei Soldaten teilen sich eine Stube in einem Container, der fünf mal zwei Meter fünfzig misst. © KS / Barbara Dreiling

Drei Soldaten teilen sich eine Stube in einem Container, der fünf mal zwei Meter fünfzig misst. © KS / Barbara Dreiling

Für den Kontakt zu Familie und Freunden gibt es eine schnelle WLAN-Verbindung für zwei bis drei Stunden täglich. Mehr Zeit bleibt auch nicht, denn je nach Anforderungen kann ein Arbeitstag länger als zwölf Stunden dauern.

Die verbleibende Zeit nutzen viele Soldaten zum Trainieren in der „Church of Steel“, wie der Fitness-Raum im Camp genannt wird. Wer in der OASE, der deutschen Betreuungseinrichtung der Katholischen und Evangelischen Militärseelsorge noch einen Platz findet, kann auch dort etwas essen und trinken.

Dann gibt es da noch die „Zuflucht“. Der Container, so groß wie eine Ein-Raum-Wohnung, ist immer geöffnet und einer der wenigen Orte im Camp, die Privatheit und Rückzug versprechen. Hellbraune Vorhänge mit goldgestickten orientalischen Ornamenten verdecken die weißen Container-Wände. Die braunen Korb-Gartenmöbel – zwei große Sofas und Gartenstühle – erinnern an die heimische Terrasse.

Sonntagsgottesdienst in der "Zuflucht" © Bundeswehr / PAO

Sonntagsgottesdienst in der "Zuflucht" © Bundeswehr / PAO

Hier gibt es Kaffee und Tee, samstags beim Bibelfrühstück sogar frisch gebackenes Brot. Dafür steht Pfarrer Plümper mitten in der Nacht auf, schüttet Brotbackmischungen, Gewürze und Wasser in den Brotbackautomaten und lässt die Maschine backen, bis genug Brot für über dreißig Teilnehmer vorhanden ist.

So beginnt der Samstag für die Soldaten mit dem gemeinsamen Bibellesen, mit Nahrung der Seele und anschließend für den Leib. Auch beim Gottesdienst am Sonntagabend wird es eng in der „Zuflucht“. Viele Soldatinnen und Soldaten des Gebirgsjägerbataillons 232 sind Christen. Und im Auslandseinsatz kommt man an existenziellen Fragen nicht so leicht vorbei. Armut, Krieg, Flucht und Tod sind allgegenwärtig.

Das Bibelfrühstück beginnt mit dem gemeinsamen Bibellesen. © Bundeswehr / PAO

Das Bibelfrühstück beginnt mit dem gemeinsamen Bibellesen. © Bundeswehr / PAO

Für den katholischen Seelsorger Jörg Plümper ist es deshalb wichtig, in der Enge des Camps etwas Geistliches anzubieten. Denn auch im Alltag von Befehl und Gehorsam bleibt der Soldat Mensch und seinem Gewissen verpflichtet. „Ich bin und bleibe hier immer der Pfarrer“, sagt er. „Wir trinken ganz gemütlich Kaffee, aber im nächsten Halbsatz kann es vorkommen, dass ich als Pfarrer antworten muss“, ist seine Erfahrung. Er ist jemand, mit dem man „über Probleme offen reden kann“ und „eine Autorität, die außerhalb des Systems steht“, sagt ein Hauptmann.

Der Militärseelsorger ist am Einsatzort präsent, man begegnet ihm im Camp und in der „Zuflucht“. Manchmal fährt er mit den Soldaten zu den Ausbildungsstätten der kurdischen Armee. Einfach da zu sein ist wohl das Wichtigste für ihn und gleichzeitig eine Herausforderung. „Die Privatsphäre im Einsatz ist null. Auch für den Pfarrer“, sagt er.

Ein Soldat in der Poststelle verpackt Postsendungen nach Deutschland in großen Kisten. © KS / Barbara Dreiling

Ein Soldat in der Poststelle verpackt Postsendungen nach Deutschland in großen Kisten. © KS / Barbara Dreiling

Warum tun sich Soldaten das an? Warum lebt man viereinhalb Monate fern von seiner Familie, vom Partner und von den Freunden? Jeder Soldat muss darauf eine Antwort finden. Doch aus Hauptfeldwebel Thomas‘ Worten klingt Sorge um die Menschen, denen er im Einsatzland begegnet ist. Erbil ist eine lebendige Stadt, doch die Menschen spüren die Bedrohung durch den IS. Bauprojekte wurden nicht fertiggestellt, Investoren haben sich wegen des Krieges aus der Gegend zurückgezogen. Hunderttausende Flüchtlinge aus westlichen Landesteilen leben in Erbil. Ernst und bestimmt, als wolle er sich ermahnen, spricht Thomas davon, „dass wir hier einen Auftrag haben“. Die Einschränkungen im Camp erscheinen ihm dagegen wohl eher gering.

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