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Tradition und Bundeswehr

© Bundeswehr / photothek / Gottschalk

„Tradition“ ist in der letzten Zeit (wieder) ein wichtiges Thema innerhalb der Bundeswehr und darüber hinaus geworden. Dies zeigt sich nicht zuletzt durch die Vorbereitung und Diskussion eines neuen Traditionserlasses, der den von 1982 ersetzen soll. Dazu haben sich Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck und nun auch der Parlamentarische Staatssekretär Markus Grübel (BMVg) geäußert.

Im Februar-Kompass 2018 diskutieren und kommentieren außerdem zwei Mitarbeiter des „Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“ (ZMSBw) in Potsdam, Prof. Dr. Jörg Echternkamp und Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann, das Traditionsverständnis innerhalb der Streitkräfte. Buchtipps runden dieses Titelthema ab.

Zwei Seiten einer Medaille: Zur notwendigen Verknüpfung von Ethik und Tradition in der Bundeswehr

Was hat Militärethik mit Militärgeschichte zu tun?

Oder umgekehrt: Spielt die Vergangenheit eine Rolle, wenn in der gegen- wärtigen soldatischen Praxis moralische Fragen zu beantworten sind?

 

von Prof. Dr. Jörg Echternkamp, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam, und Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg

Die Vergegenwärtigung von Vergangenheit in der Bundeswehr sorgt immer wieder für Debatten, weil sie zwangsläufig von einem bestimmten Standort in der jeweiligen Gegenwart aus erfolgt – deshalb „Vergegenwärtigung“ – und jene Werte widerspiegelt, die im Moment des historischen Rückblicks gelten. Nicht die geschehene Geschichte „selbst“ stellt dem Soldaten eine Richtschnur zur Verfügung. Sondern die Verhaltensziele und -erwartungen, die in der Führungskultur der deutschen Streitkräfte verankert sind, bestimmen die reflektierte Auswahl, Darstellung und Deutung der Geschichte in der Bundeswehr. Die Werte, die Geltung beanspruchen, sind ihrerseits nicht philosophische Konstrukte allein, sondern historischen Ursprungs. Die ethische Dimension der Geschichte auf der einen Seite, die historische Dimension der Ethik auf der anderen kommen in der Bundeswehr dort besonders deutlich zum Ausdruck, wo sich die Vergangenheit im Modus militärischer „Tradition“ präsentiert, die eine Zentrale Dienstvorschrift bekanntlich als „Überlieferung von Werten und Normen“ definiert (ZDv A-2600/1, Ziff. 630). Ethik und Tradition sind in diesem Zusammenhang auf verschiedene Weise miteinander verflochten. Die Erinnerungen an diese Verflechtung lassen sich als Plädoyer dafür lesen, sie in der laufenden Diskussion noch stärker zu berücksichtigen und dabei die Zeit vor 1945 nicht auszusparen.

Ethische Kompetenz

Das Erfordernis ethischer Kompetenz unterliegt angesichts der Konzeption der Inneren Führung und des weltweiten Einsatzes der Bundeswehr keinem Zweifel. Rund 1.700 der über 3.700 an UN-, NATO- und EU-Missionen beteiligten Bundeswehrsoldaten sind mittlerweile auf dem afrikanischen Kontinent oder vor seiner Küste eingesetzt. Der Dienst in fremden Kulturen und gemischten Kontingenten macht es nötig, dass sich die Soldaten mit den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen auseinandersetzen und die moralische Grundlage ihres eigenen Handelns reflektieren. Das kann nicht dem Einzelnen überlassen bleiben und verlangt nach einer militärethischen Reflexion (die nicht als Ethik sui generis missverstanden werden sollte). Weil soldatisches Handeln in letzter Konsequenz durch Gewalt geprägt ist, die unter höchstem Legitimationsdruck steht, da sie in der zivilen Gesellschaft keinen Platz hat, bedarf es einer Diskussion über das ethische Fundament. Die sogenannte konstruktive Ethik zielt auf ein Orientierungswissen, das in Zeiten, die als „beschleunigt“ wahrgenommen werden, stark nachgefragt ist.

Wo liegen angesichts der durch die Waffentechnik oder die Politik erzeugten Sachzwänge die moralischen Grenzen des militärischen Handelns? Vor allem dort, wo der Soldat im Auftrag einer Gesellschaft im Einsatz ist, die militärische Effizienz auch an der Rücksicht auf Menschenrechte misst und deshalb das Einsatzgebiet allen Sachzwängen und der vermeintlichen Eigenlogik des Militärischen zum Trotz nicht zu einem moralfreien Raum verkommen lassen kann. Der Soldat soll fähig sein, in der individuellen Situation selbst ethische Überlegungen anzustellen, wenngleich diese nur auf einer anerkannten Wertebasis gründen können. Für diese ethische Urteilsbildung im Spannungsfeld von Normenvermittlung und individueller Identität spielt der reflexive Umgang mit der Vergangenheit eine Schlüsselrolle. Konstruktive Ethik bildet insofern ein Scharnier zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Historischer Rückbezug

Der historische Rückbezug, wie er im Traditionsbegriff angelegt ist, lohnt sich, weil er durch das historische Beispiel Handlungsorientierung verspricht. In der gewachsenen Unübersichtlichkeit asymmetrischer Kriege, die sekundenschnell zu ungeahnten Gewalttaten führen können, ist moralisches Verhalten mehr denn je gefragt. Es setzt allerdings eine Sachkenntnis voraus, die Handlungsalternativen erst sinnvoll ausloten lässt. Das historische Beispiel erweitert dieses Sachwissen. Zunächst einmal unterstreicht der Blick in die Geschichte die militärethische Warnung, kriegerische Gewalt zu verharmlosen. Er hält die Einsicht wach, dass Gewalthandeln in erster Linie ein politisches Versagen dokumentiert. Doch welche „Tradition“ braucht der Soldat? Welcher Teil der Geschichte soll Anteil an seiner ethischen Kompetenz haben?

Hier steht die Frage nach den historisch-ethischen Konsequenzen der veränderten militärischen Praxis im Raum. Dabei sind die von Zeit, Ort und Funktion abhängigen Einsatzerfahrungen sehr breit gestreut, wie die sozialwissenschaftliche Begleitung eines Bundeswehrkontingents in Afghanistan verdeutlicht. Man muss dazu nicht auf den besonderen Fall des Sanitätsdienstes hinweisen, dessen humanitäre Bestimmung den Kampfeinsatz gegen einen „Feind“ ausschließt. Dieser empirische Befund gerät aus dem Blick, wo die Erfahrung auf das Gefecht an der Front verkürzt und kurzerhand dem Wehrmachtsoldaten eine (handwerkliche) Vorbildfunktion zugeschrieben wird. Kommt also nur die immerhin gut 60-jährige Geschichte der Bundeswehr in Frage? Hier läge der Vorteil gegenüber der Wehrmacht auf der Hand, decken sich doch die Werte der Parlamentsarmee mit den Werten derer, die an ihre Geschichte erinnern. Klaus Naumann hat indes kürzlich auf das Defizit an eigener Tradition hingewiesen, das sich auch aus den organisatorischen Verwerfungen der Bundeswehrgeschichte seit den 1980er Jahren ergibt. Diese Mängel stehen in der Tat dem Versuch entgegen, die Klärung des Verhältnisses zum Dritten Reich und seinen ambivalenten Lebensläufen mit einer Selbstbeschränkung auf die „eigene“ Geschichte zu umgehen.

In den Augen des Historikers wie für den Verfechter einer pragmatischen Ethik haben diese Verwerfungen auch ihr Gutes: An der kritischen Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte vor und nach 1945/55 führt kein Weg vorbei. Dazu gehört die Einsicht in den Gründungszusammenhang von Wehrmacht und Bundeswehr. Schließlich standen die Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Unrechtsregime und seinem militärischen Instrument am Anfang der Überlegungen für eine neue Führungskultur, die in der Bundesrepublik dafür sorgen sollte, dass die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit soweit irgend möglich mit den strukturellen Bedingungen einsatzfähiger Streitkräfte im Einklang standen. Auch ein Skandal wie beispielsweise das Iller-Unglück gehört hierher, verweist er doch gewissermaßen ex negativo auf den Wertekonsens, gegen den verstoßen wurde: Erst der Tabubruch machte den Skandal skandalös. Mit anderen Worten: Die Werte und Normen, die heute und morgen gelten, lassen sich besser verstehen, wenn der historische Hintergrund bekannt ist, vor dem sie Geltung gewonnen haben.

Innere Führung

Die Historizität der Inneren Führung, das heißt: die Geschichte ihrer zähen Umsetzung, bezeugt zudem, wie wenig die Geltungskraft der Leitbilder als selbstverständlich genommen werden darf. Die Vereinbarkeit militärischer Funktionsbedingungen mit den Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist nicht ein für alle Mal geregelt, sondern muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Traditionsstiftung und historisch-politische Bildung lassen sich deshalb als notwendige Motoren dieses Prozesses verstehen.

Eine Geschichte, die in Geschichten Gestalt annimmt, fördert des Weiteren die Bereitschaft der Soldaten, sich für die Werte jener Gesellschaft einzusetzen, die sie in den Einsatz schickt. Diese Werte, allen voran die Achtung und der Schutz der Menschenwürde, liefern die ethische Begründung für das militärische Handeln. Das kann auf einen scheinbaren Widerspruch hinauslaufen: Steht Tradition üblicherweise für historische Kontinuität, signalisiert der ethische Kontext einen Bruch mit der NS-Vergangenheit. Dieser Bruch war immerhin so groß, dass die Existenz neuer deutscher Streitkräfte zunächst gar nicht vorgesehen war. Sicher, dass die Bundeswehr trotz der historischen Bürde ab 1955/56 aufgestellt wurde, hing vor allem mit dem Ost-West-Konflikt zusammen. Gleichwohl wäre die allmähliche Zustimmung einer zutiefst militärskeptischen Bevölkerung ohne die radikale Neuformulierung der Führungskultur und ihrer ethischen Grundsätze nicht zu haben gewesen. Ein Beispiel ist die Annäherung von Bundeswehr und Gewerkschaften. Weil sie die Streitkräfte als eine legitime Großorganisation der Demokratie ansahen, die auch nach innen gemeinsame Werte teilte, akzeptierten viele Gewerkschafter das Militär, das seit dem Kaiserreich als ein Instrument der Unterdrückung in Erinnerung war.

Dem historisch-ethischen Element kommt eine besondere Bedeutung noch aus einem anders gelagerten Grund zu: Mangels konkreter Handlungsanweisungen bleibt die „Innere Führung“ auf den ersten Blick vage. Doch in dieser Schwäche liegt zugleich eine Stärke. Weil ihr Kern aus abstrakten Leitvorstellungen und Verhaltenserwartungen besteht, kann die Führungskultur auf veränderte Umstände in der militärischen Praxis flexibel reagieren. Die historische Verankerung, die Veranschaulichung durch Tradition, hat an dieser Modernisierungsfähigkeit ironischerweise einen großen Anteil. Dank der Tradition erweist sich die ungebrochene Wertegebundenheit militärischen Handelns als anpassungsfähig.

Tradition und Ethik

Tradition ist sodann unverzichtbar, weil sie der soldatischen Selbstvergewisserung dient. Sie ist ein Teil der ethischen Verständigung über die Verfassung der eigenen Lebenswelt, nicht zuletzt im militärischen Kontext. Dem uniformierten Staatsbürger geben richtig formulierte Traditionen Erzählungen an die Hand, die für die Beschreibung seiner eigenen Person und seiner Beziehung zu anderen Menschen herangezogen werden können. Ohne diese Narrative gäbe es kein sittliches Bewusstsein. Im Bewusstsein einer übergreifenden Tradition kann der Bundeswehrangehörige sich selbst und seine Aufgaben in ein stimmiges Gesamtbild einordnen. Der reflektierte Blick in die Vergangenheit schärft das Gewissen, entwickelt eine moralische Urteilsfähigkeit und trägt so ganz im Sinne der Inneren Führung zur eigenen Persönlichkeitsbildung bei.

Tradition und Ethik bilden schließlich eine notwendige Klammer des zivil-militärischen Verhältnisses. Die Übereinstimmung im historisch-politischen Bewusstsein des Militärs und seines zivilen Umfelds ist ein Gradmesser für die Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft. Wo das Militär eine eigene Ethik entwickelt, deren historische Komponente außerhalb der Kasernen kaum anschlussfähig ist, gähnt bald ein zivil-militärischer Graben. Eine solche Ethik würde rechtfertigen, was nicht zu legitimieren ist.

Ein bewusster Umgang mit der gebrochenen Vergangenheit trägt dagegen zu einer Ethik bei, die dem Soldaten Orientierung bietet, ihn motiviert, sein Selbstverständnis stützt und sein militärisches Handeln legitimiert. Das Leitbild des Soldaten und sein Geschichtsbild erweisen sich als zwei Seiten einer Medaille. Die Reflexion von Tradition und Ethik kann deshalb die notwendige gesellschaftliche Debatte über die Bundeswehr und deren normative Selbstverständigung vorantreiben.

Tradition in der Bundeswehr: Ein Kompass in Bewegung

von Markus Grübel MdB, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung

Seit Beginn der Überarbeitung des „Traditionserlasses“ im letzten Jahr führen wir einen kritischen Diskurs zum Thema „Tradition in der Bundeswehr“. Die Kontroverse bewegt nicht nur die Bundeswehrangehörigen, sie bewegt auch die Öffentlichkeit. Dies zeigt einmal mehr, welch hohe Relevanz die Bundeswehr in der deutschen Gesellschaft hat. Das ist gut so; denn die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee. Sie „gehört“ in einer repräsentativen Demokratie dem Souverän: dem deutschen Volk.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich die öffentliche Debatte vom Kern des Themas entfernt. Bei allen Überlegungen, was traditionsstiftend sein könnte oder was auf keinen Fall traditionsstiftend sein darf, hat sich der Diskurs zum Teil auf Ebenen bewegt, die sich nicht mehr mit den Bedürfnissen der Betroffenen – nämlich den Bundeswehrangehörigen – decken.

Funktionen der Tradition

Die Tradition der Bundeswehr ist kein exklusives Thema für Akademiker und Politiker. Im Gegenteil, sie hat direkte Auswirkungen auf die Bundeswehrangehörigen. Die Tradition erfüllt dabei zwei wesentliche Funktionen: Sie stiftet zum einen Identität. Zum anderen dient sie als Kompass und Handlungsleitlinie. „Wer bin ich als Angehöriger der Bundeswehr?“ und „Wie soll ich mich verhalten?“ sind zwei existenzielle Fragen, bei denen Tradition zur Beantwortung hilft.

Der derzeit diskutierte Entwurf des zukünftigen Traditionserlasses dient als Leitlinie zur Wahl von Vorbildern und skizziert das Traditionsverständnis der Bundeswehr. Er eröffnet also einen Raum an Orientierungsmöglichkeiten. Er beinhaltet jedoch keine abgeschlossene Liste – also nicht den Traditionsbestand. Tradition kann nicht „erlassen“ werden. Sie ist etwas Lebendiges, nichts Statisches, sondern immer im Fluss. Tradition verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart und weist auch in die Zukunft. Daher ist es wichtig, dass die Bundeswehrangehörigen die Richtlinien für das Traditionsverständnis in der Bundeswehr annehmen. Nur so entsteht eine lebendige Tradition, die sich entlang zentraler Leitideen weiterentwickeln kann.

Zum Berufsbild der Bundeswehrangehörigen im Allgemeinen und dem der Soldatinnen und Soldaten im Besonderen gehört, dass sie ihren Auftrag auch unter Lebensgefahr und in Situationen erfüllen müssen, für die es unter Umständen keine Vorschriften gibt. Sie müssen handeln, wenn Zeitdruck und widrige Umstände herrschen. In solchen Situationen bekommt die Antwort auf die Frage „Wie soll ich mich verhalten?“ rasch eine moralische Komponente. Der Bundeswehrangehörige muss eine Gewissensentscheidung treffen. Das unterscheidet die Bundeswehr wesentlich von Armeen in Diktaturen, die absoluten Gehorsam fordern.

Als Handlungsleitlinien in Extremsituationen helfen Verhaltenskodizes, wie sie häufig gefordert werden, nur bedingt. Die moralische Frage „Was soll ich tun?“, die sich gut im Studierzimmer erörtern lässt, wird im Sekundenbruchteil zur Frage „Was tue ich – jetzt?!“ Hier hilft Tradition, die Beispiel gibt und Vorbilder bietet.

Eigene Tradition

Die eigene, stolze Bundeswehrtradition ist reich an solchen Vorbildern. Stellvertretend für diejenigen, die mutig und tapfer in Grenzsituationen gehandelt haben, könnte man Feldwebel Boldt, den Namenspatron der Unteroffizierschule des Heeres, nennen, der im Jahr 1961 während einer Sprengausbildung sein Leben für das zweier Untergebener gab. Diese Tat sagt viel über das Selbstverständnis von Vorgesetzen in der Bundeswehr aus und verdeutlicht, was Verantwortung in letzter Konsequenz bedeuten kann.

Viele weitere Bundeswehrangehörige haben, insbesondere auch in den Einsätzen, unter widrigen Umständen und teils unter Lebensgefahr, tapfer ihren Auftrag erfüllt. Die gelebte Innere Führung als bewährte Führungsphilosophie der Bundeswehr ist dabei fester Bestandteil der Tradition der Bundeswehr. Die Aufgabe aller Bundeswehrangehörigen ist es, diese Tradition zu leben – eine Tradition, die den Anforderungen einer fest in der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und der deutschen Gesellschaft verankerten Armee entspricht.

KEINE TRADITION OHNE ETHIK Welche Tradition für deutsche Streitkräfte?

Kommentar zur Sache von Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam, und Brandenburgische Technische Universität, Cottbus

Ein neuer Wurf soll er werden, der Traditionserlass. Verteidigungsminister Wörner hatte das bei seinem Amtsantritt 1982 schon einmal angekündigt, Verteidigungsminister de Maizière bei der Eröffnung des Militärhistorischen Museums im Oktober 2011 auch, und als Ursula von der Leyen in Koblenz zum 60-jährigen Bestehen des Zentrums Innere Führung sprach, da forderte sie das ebenfalls. Bis zu dem Skandal um den rechtsradikalen Oberleutnant aus Illkirch passierte – nichts.

Dieses Mal könnte es ernst werden. Der letzte Erlass zum Thema (von 1982) hat 35 Jahre gehalten; wenn der neue ebensolche Wertarbeit darstellen soll, wird man sich Mühe geben müssen.

Tradition ist werteorientierte Auswahl aus Geschichte. Traditionspflege sagt wenig über die Vergangenheit aus und umso mehr über die Gegenwart. Welche Vorbilder wollen wir uns geben, woran wollen wir uns orientieren?

Vom Widerstand hat die Ministerin in Koblenz gesprochen, genauer gesagt, von „einigen herausragenden Einzeltaten im Widerstand“ – ist der Widerstand jetzt auch nicht mehr in seiner Gänze traditionswürdig? Gibt es in Zukunft guten und schlechten Widerstand gegen Hitler? Wir wollen es nicht hoffen …

Veränderungen gibt es schon: Die Distanzierung von der Wehrmacht als Organisation ist jetzt eindeutig, und auch die Nationale Volksarmee der DDR wird nun als Unterdrückungsinstrument eines Unrechtsstaates als nicht traditionswürdig gesehen. Das wird den einen oder anderen in die Bundeswehr übernommenen „Ehemaligen“ enttäuschen, vielleicht auch die eine oder andere junge Frau oder den jungen Mann aus einer DDR-Offizierfamilie. Aber hier zeigt sich auch schon die Zeitgebundenheit des Ganzen: Eine rot-rot-grüne Bundesregierung würde an dieser Gleichsetzung vielleicht schon bald Anstoß nehmen.

Die eigene Geschichte der Bundeswehr

Die Geschichte der Bundeswehr selbst müsse traditionsstiftend werden, sagte die Ministerin. Aber welche? An Einzelheiten nannte sie den Wald der Erinnerung und das Bundeswehr-Ehrenmal. Die aber stellen Gefallenenehrung dar, und das ist etwas anderes als Tradition.

Die Bundeswehr hat kämpfen und töten müssen in den letzten Jahren, und das im Auftrag des Parlaments. Die Soldaten, die lebend aus Afghanistan oder Mali zurückkommen, haben es verdient, dass man ihre militärischen Erfolge würdigt. Das wäre eine moderne Traditionspflege. Wo bleibt die Hindukusch-Kaserne, die Kosovo-Kaserne? Werden irgendwo in den Kasernen Erinnerungsstücke an die Auslandseinsätze ausgestellt, und wenn ja – dürfen darunter auch Waffen sein, die getötet haben? Oder sind nur Erinnerungen an Brunnenbohren und Mädchenschulen genehm – obwohl doch seinerzeit immer wieder betont wurde, das sei gerade nicht das Ziel der Einsätze?

Die Soldaten, die in die Einsätze geschickt werden, hat man gut ausgebildet – technisch, sportlich, physisch. Der Lebenskundliche Unterricht ist dabei oft genug ausgefallen. Das moralisch-ethische Gerüst für ihre Einsätze hat man ihnen ein Stück weit vorenthalten. Wenn sie im Auslandseinsatz die Waffe gebrauchen, dann müssen sie damit rechnen, dass ihnen das Disziplinarrecht, die Medien und zuletzt der Staatsanwalt dazwischenkommen. Zurück in den Kasernen aber ist jedes Zeichen der Erinnerung an ihre Entbehrungen, ihre Kämpfe, und auch an ihre Gewissensfragen eher unwillkommen. Wenn sie sich für ihre Kampfeinsätze Kämpfer als Vorbild suchen, werden sie kaum fündig, weil die Bundeswehr keine ihrer eigenen Kämpfer als traditionswürdig herausstellt. Darf es dann Wunder nehmen, wenn sie sich nach der Wehrmacht umsehen?

Es kommt bei der Traditionspflege der Bundeswehr nicht mehr in erster Linie auf den Umgang mit der Wehrmacht an – die ist für die meisten jungen Soldaten heute weit weg. Es kommt auf den Umgang mit der Geschichte der Bundeswehr an, und darauf, dass sich Politik und Gesellschaft ehrlich machen, wenn sie die Bundeswehr zum Kämpfen an die Enden der Erde schicken.

Nur Männer?

Und noch eins: Die Bundeswehr besteht zu einem erheblichen Teil aus Frauen. Als die Feldwebel-Schmid-Kaserne in Rendsburg aufgegeben wurde, gab es eine öffentliche Kampagne, und schon wurde der Name anderen Orts vergeben (nach Blankenburg im Harz). Als die Dorothea-Erxleben-Kaserne im Harz, benannt nach Deutschlands erster promovierter Ärztin, aufgegeben wurde, weil das dort stationierte Sanitätsregiment verlegt wurde, rührte sich niemand. Jetzt haben wir nur die Augusta-Kaserne in Koblenz, die nach einer Frau benannt ist (Kaiserin Auguste-Viktoria, Gattin Kaiser Wilhelms II.) – wenn wir mal von den Barbara-Kasernen der Artillerie absehen. Die Einbeziehung von Frauen in die Traditionspflege der Bundeswehr, das wäre auch etwas.

Kompass Februar 2018

Kompass_02_2018.pdf

Im vorderen Teil der Ausgabe 02/18 geht es um Tradition in der Bundeswehr. Die Spannweite der Themen im mittleren und hinteren Teil ist wieder sehr groß: Sie reicht von Karneval bis Fastenzeit, vom Dienst- zum Goldenen Priesterjubiläum, vom Weltfriedenstag in Köln über Rückkehrer-Appell in Beelitz bis zur Seelsorge und einem Seminar in Litauen. Die Vielfalt reicht vom biblischen Hiob zum Künstler Alberto Giacometti, es geht um Gerechtigkeit, Ekel, einen Kriegspfarrer und die Stimme der Bischöfe. Der Wehrbeauftragte des Bundestages betrachtet die Bundeswehr-Einsätze 2018. Der Blick geht außerdem voraus auf die 60. Internationale Soldatenwallfahrt nach Lourdes im Mai, den „Tag der Archive“, den Weltgebetstag der Frauen und die MISEREOR-Aktion im März.

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