Home Desktop
Shadow

Im Blickpunkt: Familien in Deutschland

Wie ist es um die Familie(n) in Deutschland bestellt im Advent 2017? Dieser Frage wird im Dezember-Kompass 2017 aus unterschiedlichen Richtungen nachgegangen: Kirchlich vom „Familienbischof“ der Deutschen Bischofskonferenz Dr. Heiner Koch mit Bezug auf Papst Franziskus, politisch und politikwissenschaftlich durch den „Familienbericht der Bundesregierung“ und von Prof. Dr. Klaus Stüwe.

Aus der Sicht des Einzel-, Paar- und Familientherapeuten und Bundeswehr-Kenners Dr. Peter Wendl geht es u. a. um die Vereinbarkeit von Familie und Dienst. Auch im Adventsgruß des Katholischen Militärbischofs Dr. Franz-Josef Overbeck spielt natürlich die (Heilige) Familie eine wichtige Rolle – und im geistlichen Wort, das adventliche und weihnachtliche Erwartungen weckt.

Ehe und Familie als Schlüsselbegriffe für die Weite des Lebens im Glauben von Dr. Heiner Koch, Erzbischof von Berlin

In diesen meinen Erlebnissen und diesen bis heute für mich so bedeutsam bleibenden Erfahrungen wird mir immer wieder deutlich, dass jeder von uns ein Mensch seiner Familie ist. Mögen sich Eltern trennen oder Angehörige versterben, wir bleiben doch immer Kinder unserer Eltern und Bruder oder Schwester unserer Geschwister. Familie hat uns geprägt und prägt uns. Viele gute Erfahrungen im Kreis der Familie überdauern schwere Konflikte im Leben, manche bösen Erfahrungen belasten ein ganzes Leben lang. Familie ist viel mehr als eine notwendige Institution zur Arterhaltung und zur kulturellen Bildung. Familie gehört zu unserem Wesen als Menschen dazu. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Familien, so verschieden sie gerade heute gelebt werden, als Kirche, Staat und Gesellschaft fördern, wie immer wir dies auch tun können. Familie wird immer Kernanliegen auch der Kirche bleiben, nicht nur, aber auch weil sie der grundlegende Ort der Weitergabe des Evangeliums an die Menschen ist und bleibt.

Das Besondere der sakramentalen Ehe

Es ist wichtig, dass die motivierende, stärkende und kritisch-korrigierende Kraft des Evangeliums gerade in der Situation unserer heutigen Gesellschaft verkündet und einladend dargeboten wird. Menschliches Leben und das Leben unserer Gesellschaft lebt von Verbindlichkeit: Zu viele Beziehungen erweisen sich heute als nicht mehr tragfähig, sie werden oftmals eingegangen ohne die Bereitschaft, überhaupt tragwillig zu sein. Dabei lebt der Mensch von Verlässlichkeit. Nur durch sie wächst Heimat: durch die Erfahrung des Angenommenseins und durch das Schenken von Verbindlichkeit. In solch einer Atmosphäre kann der Mensch seine Lebenskräfte entfalten. Das gilt nicht nur für das heranwachsende Kind, sondern für den Menschen zu all seinen Lebenszeiten. Als Christen glauben wir fest daran, dass wir getragen sind von Gottes Verbindlichkeit uns gegenüber, von der Zusage, dass er uns trägt und uns auch treu bleibt, wenn wir ihn vergessen und schuldig werden, im Leben und im Sterben. Von dieser tragfähigen, tragbereiten und in Christus bewahrheiteten, uns tragenden Liebe Gottes künden wir. Sie ist unsere Hoffnung. Sie ist unsere Verheißung für alle Menschen. Gott steht zu dieser Verbindlichkeit auch und gerade in unserer Schwachheit. Gott, der Erbarmen ist, ist uns gerade in unserer so zerbrechlichen Verbindlichkeit nahe.

Genau an diesem Punkt beginnt das Proprium, das Besondere der katholischen, der sakramentalen Ehe aufzuleuchten. Zu ihm gehört die verbindliche Liebe von Mann und Frau und die aus dieser Verbindlichkeit heraus wachsende Bereitschaft zur Weitergabe des Lebens an ihre Kinder. In all dem hat, so die katholische Überzeugung, die Ehe Teil am Erlösungsgeschehen Jesu Christi: Die gesamte Schöpfung, so unsere Glaubensüberzeugung, ist ausgerichtet auf das Heilsgeschehen Gottes in Jesus Christus. In ihm hat Gott die ganze Welt zur Erlösung, zur Befreiung aus aller Lebensenge geführt. An diesem Heilsgeschehen haben die Eheleute in ihrer Ehe Anteil, sie sind als Eheleute hineingenommen in dieses erlösende Heilswirken Christi. In der Ehe spiegeln Mann und Frau die untrennbare Liebe Gottes zur Kirche wider; er bleibt in ihrer Mitte und trägt die Kirche, mag sie auch noch so schwach sein in ihren Fehlern und den Fehlern ihrer Glieder, die wir sind. Das Ehepaar repräsentiert also im Ehesakrament, das sie sich spenden, den unauflöslichen Bund zwischen Christus, seit Adam repräsentiert durch den Mann, und der Antwort des Volkes Gottes, seit Eva repräsentiert durch die Frau. Diese Liebe Gottes im Ehesakrament sich schenken zu lassen und diesen unauflöslichen Bund Gottes mit seiner Kirche in der Ehe öffentlich zu bezeugen, zu repräsentieren und sakramental zu verwirklichen ist das Besondere, das Proprium des Ehesakraments. Die Ehe ist ein tiefer persönlicher und öffentlicher Glaubensakt. Wenn sie heute von vielen nur noch als relativ verbindlicher Vertrag zwischen zwei sich Liebenden gesehen wird, für die der Segen Gottes erbeten wird, so ist dies zu achten und in seiner Eigenheit auch wertzuschätzen. Es ist aber eine begrenztere Wirklichkeit, die darin zum Ausdruck kommt, als wir sie im Sakrament zwischen Mann und Frau bezeugen.

Dieses Verständnis der Ehe schließt Konsequenzen ein, etwa im Hinblick auf die Unauflöslichkeit der Ehe. Diese Sicht der Ehe unterscheidet sie wesenhaft vom heutigen, weitverbreiteten gesellschaftlichen und staatlichen Eheverständnis, in dem viele die Ehe nur noch als institutionellen Rahmen und Unterstützung einer relativ verbindlichen Liebe zweier Menschen sehen.

Die Päpste zu Familie und Ehe

In seinem Apostolischen Schreiben Familiaris Consortio vom 22. November 1981 hat Papst Johannes Paul II. diesen engen Wesenszusammenhang der beiden Wirklichkeiten der Kirche und von Ehe und Familie herausgestellt: „Der in der sakramentalen Eheschließung geschenkte Heilige Geist eröffnet den christlichen Ehegatten eine neue Gemeinschaft, eine Liebesgemeinschaft, die lebendiges und wirkliches Bild jener einzigartigen Einheit ist, die die Kirche zum unteilbaren Mystischen Leib des Herrn Jesus Christus macht“ (Familiaris Consortio Nr. 19). „Durch die Taufe wurden Mann und Frau endgültig in den neuen und ewigen Bund, in den bräutlichen Bund Christi mit seiner Kirche, hineingenommen, und aufgrund dieses unzerstörbaren Hineingenommenseins wird die vom Schöpfer begründete innige Lebens- und Liebesgemeinschaft der Ehe erhoben und mit der bräutlichen Liebe Christi verbunden – bestärkt und bereichert von seiner erlösenden Kraft. […] Ihr gegenseitiges Sichgehören macht die Beziehung Christi zur Kirche sakramental gegenwärtig.“ So ist die Ehe als Sakrament ein „Realsymbol des Heilsgeschehens“ (Familiaris Consortio Nr. 13). „Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche“ (Eph 5,32), heißt es im Epheserbrief. In seinem Schreiben Amoris Laetitia sagt in diesem Sinn Papst Franziskus: „Die christliche Ehe ist ein Zeichen, das nicht nur darauf hinweist, wie sehr Christus seine Kirche in dem am Kreuz besiegelten Bund geliebt hat, sondern das diese Liebe in der Gemeinschaft der Gatten gegenwärtig werden lässt. Indem sie sich vereinen und ein Fleisch werden, bilden sie die Vermählung des Gottessohnes mit der menschlichen Natur ab“ (Amoris Laetitia Nr. 73). Die Präfation der Trauungsmesse preist sie: „Die eheliche Liebe hast Du zu einem Zeichen dieses Bundes gemacht, um uns in diesem Sakrament das Wirken Deiner Liebe zu bezeugen.“

Segen für die Familie – und für die Welt

Das Ehepaar empfängt dabei die Gnade des Ehesakraments nicht nur als Segen für sich und die eigene Familie, sondern auch für die mit und um sie Lebenden, für die sie in ihrer Ehe Christus gegenwärtig sein lassen. Sie erklären sich in ihrer Trauung bereit, im Sakrament ihrer Ehe ein wirksames Zeichen der Liebe Gottes zu allen Menschen zu sein.

Christi Liebe zu seiner Kirche, die im Sakrament der Ehe Wirklichkeit ist und öffentlich von den Eheleuten bezeugt wird, ist damit keine in sich selbst begrenzte Wirklichkeit. Gottes Liebe ist immer offen und grenzüberschreitend. Die Liebe Gottes, der Kern des Geheimnisses der Dreifaltigkeit Gottes, explodiert gleichsam in die Schöpfung des Universums und der Welt und in das Leben eines jeden Menschen hinein. In aller Konsequenz gab Gott in Jesus Christus deshalb sein Leben hin für das Heil aller Menschen. Gottes Liebe ist nie exklusiv. Deshalb ist die Liebe zwischen Mann und Frau in der Ehe nie nur auf sich selbst ausgerichtet und bezogen. Die christliche Ehegemeinschaft ist immer offen für die Weitergabe des Lebens. Mann und Frau sind so berufen zur „Teilhabe an Gottes Liebe und an seiner Macht als Schöpfer“ (Familiaris Consortio Nr. 28), gerade wenn sie Kindern als Frucht ihrer Liebe das Leben schenken, aber auch wenn sie auf andere Weise Leben ans Licht führen. Auch wenn die Eheleute keinen eigenen leiblichen Kindern das Leben schenken können, so müssen sie aus ihrem sakramentalen Eheverständnis heraus doch „Eltern der Liebe“ sein, die Leben und Liebe schenken und ermöglichen. Christliche Ehe und Familie darf nie eine geschlossene Gesellschaft sein. Sie muss offen sein auf die Großfamilie, in die die Eheleute hinein heiraten; offen für die Familie der Kirche, in die die Eheleute als Kirche im Kleinen, als Hauskirche, eingewoben sind; offen auch für die Menschen, mit denen sie auf ihrem gemeinsamen Lebensweg gehen und die ihnen Gott auf den Weg schickt, gerade die, die in welcher Not auch immer leben. Ehe, so verstanden aus der Liebe Gottes, wird immer eine Ehe ohne Grenzen und Mauern sein.

Eheleute empfangen also nicht nur den Segen der Kirche, sie sind im Ehesakrament selbst Kirche. Sie bezeugen nicht nur Jesus Christus, in ihrer Beziehung ist Jesus Christus sakramental gegenwärtig. Sie empfangen im Sa-krament der Ehe nicht nur Heil, sondern werden von Jesus Christus her in ihrer Armseligkeit und Begrenztheit sakramental zum Heil für die Welt. Diese Sicht der Ehe wird manchem fremd erscheinen und nicht wenige werden sie als ideologischen Überbau bewerten. Andere werden vielleicht überlegen, ob sie nicht manchen der angedeuteten sakramentalen Aspekte einer kirchlichen Ehe implizit und manchmal nicht sehr bewusst, aber doch wirklich leben. Es wird für uns alle eine Entdeckungsreise sein, welche Größe, Würde und Verantwortung des Lebens uns in der so verstandenen Ehe angeboten und ermöglicht wird, zu welcher Lebensweite und großen Perspektive Ehepaare berufen sind und wie sehr diese Botschaft von der Ehe auch in schweren Belastungen und Herausforderungen tragen und so wirklich zu einer Frohen Botschaft werden kann, zur Frohen Botschaft, von der auch die Adventszeit kündet: dass Gott in unserem Leben angekommen ist und immer wieder ankommt, dass er uns nie allein lässt, sondern uns verbindlich trägt, uns auch in unserer Schwachheit nicht alleine lässt. Für diese Botschaft steht die Liebe der Eheleute im Ehesakrament, von dieser Liebe künden sie, wenn sie Leben und Liebe weitergeben, nicht nur an ihre Kinder, sondern an alle Menschen, die Gott ihnen auf den Weg schickt. Die sakramentale Ehe ist keine idyllische Privatangelegenheit zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse. Sie ist in ihrer Menschlichkeit mit all ihren Grenzen Ort Gottes in dieser Welt, heiliger Ort in aller menschlichen Schwachheit und gerade so Ort tiefer Liebe und Erfüllung. Gerade aus dieser Sicht heraus ist sie dann eben auch der primäre Ort, an dem Kinder mit ihren Eltern glauben lernen können und ein Segen für die Kirche und die Welt. Der Deutsche Bundestag hat jüngst ein anderes Eheverständnis eingeführt. Der Bedeutungswechsel des Ehebegriffs, den er für den staatlichen Sprachgebrauch beschlossen hat, ist für uns ein kräftiger Impuls, den Schatz der Ehe aus dem Geheimnis des Glaubens neu ans Licht zu bringen:

Der Ehebegriff als Schlüsselbegriff für die Weite des Lebens im Glauben!

Familienpolitik:

„Mit der Bundestagswahl in diesem Jahr begann die bisher schwierigste Regierungsbildung in der Geschichte der Bundesrepublik.“

 

Ein Verhandlungsgegenstand, der für die Lebensrealität der Menschen von höchster Bedeutung ist, fand erstaunlicherweise in der Öffentlichkeit bislang nur wenig Beachtung: die Familienpolitik. Dabei besteht gerade in diesem Politikfeld großer Handlungsbedarf. Trotz der gegenwärtig guten volkswirtschaftlichen Lage sind Alleinerziehende und ihre Kinder überdurchschnittlich von Armut betroffen: 42,4 Prozent der Alleinerziehenden-Haushalte im früheren Bundesgebiet und 46,9 Prozent dieser Haushalte in den neuen Ländern waren 2016 armutsgefährdet. Nach wie vor stellt die Vereinbarkeit von Familie und Arbeitswelt für viele eine große Herausforderung dar, vor allem auch für Menschen, die Angehörige pflegen. Kita-Plätze sind noch immer nicht überall kostenlos, und die Versorgung für unter Dreijährige bleibt trotz Rechtsanspruch hinter den Vorgaben zurück. Das Bundesverfassungsgericht forderte schon vor Jahren mehr Familiengerechtigkeit in der Renten- und Pflegeversicherung. Familiengerechtes und bezahlbares Wohnen wird gerade in den Ballungszentren zu einer immer größeren Herausforderung. Und nicht wenige beklagen die vielerorts zu beobachtende Kinderunfreundlichkeit unserer Gesellschaft. Kein Wunder, dass die Geburtenrate trotz aller familienpolitischen Maßnahmen niedrig bleibt.

Am Geld allein liegt es nicht. Tatsächlich wird in Deutschland verhältnismäßig viel Geld für Familienpolitik aufgewendet. Aber die Effekte sind offensichtlich begrenzt, und kaum jemand kann den Dschungel der verschiedenen Förderinstrumente noch überblicken. Eine Expertenkommission der Bundesregierung, die die insgesamt 156 verschiedenen familienpolitischen Maßnahmen unter die Lupe nahm, hat schon für über fünf Jahren auf die Widersprüche zwischen den zahlreichen Förderinstrumenten hingewiesen.

Mit gutem Grund spielte die Familienpolitik deshalb vor der Bundestagswahl in den Wahlprogrammen der politischen Parteien eine große Rolle. Alle Parteien versprachen zumindest in einzelnen Punkten große Änderungen bestehender Regelungen. So kündigten CDU und CSU in ihrem gemeinsamen Regierungsprogramm an, in den kommenden vier Jahren „noch stärker als bisher“ Förderung auf Familien und Kinder auszurichten: „Die Wahlfreiheit der Eltern im Hinblick auf Erziehung und Betreuung ihrer Kinder ist uns wichtig“. Die FDP will die bisher den Eltern zustehenden kindesbezogenen Leistungen zu einem „Kindergeld 2.0“ zusammenfassen und damit einen eigenständigen Anspruch des Kindes schaffen: „Denn Chancengerechtigkeit und Bildungszugang sind die Grundlage für das persönliche Vorankommen und ein selbstbestimmtes Leben“. Neben der Ehe wollen die Liberalen das neue Rechtsinstitut der „Verantwortungsgemeinschaft“ zwischen zwei oder mehreren Personen einführen. Die Grünen schließlich wollen mit dem „Familien-Budget“ ein Reformpaket schnüren, mit dem Kinderfreibetrag, Kindergeld, Kinderzuschlag und Kinderregelsatz zu einer einheitlichen Leistung zusammengeführt werden sollen. Familien sollen damit um zwölf Milliarden Euro entlastet werden. „Für uns ist die Bekämpfung von Kinderarmut ein prioritäres Ziel“, heißt es im grünen Wahlprogramm: „Wir entlasten so Familien mit geringem und mittlerem Einkommen und beenden endlich die ungleiche Unterstützung von Kindern entlang des Einkommens ihrer Eltern“.

Schon dieser kurze Überblick zeigt, wie weit die familienpolitischen Ansätze dieser vier Parteien auseinanderliegen. Ob es um steuerliche Entlastungen geht oder um Leistungen wie Kindergeld und Elterngeld, um Arbeitszeitmodelle für Eltern oder um Betreuungsangebote – die Unterschiede sind groß. Dabei gehört das umstrittene Thema Familiennachzug von Flüchtlingen noch nicht einmal zum Ressort Familienpolitik.

Doch Deutschland braucht dringend neue familienpolitische Ansätze. Längst ist es an der Zeit, den Dschungel unüberschaubarer familienbezogener Maßnahmen beherzt zu lichten und die Förderinstrumente einfacher und transparenter zu gestalten. Eine besser ausgebaute Kinderbetreuung ist ebenso überfällig wie eine Reform der Besteuerung von Familien und eine bessere soziale Absicherung von Familien mit sozialen Risiken. Familien brauchen mehr Leistungsgerechtigkeit und Wahlfreiheit.

Das Thema Familienpolitik darf deshalb angesichts der vielen anderen Konfliktfelder nicht vernachlässigt werden. Die Herausforderungen sind groß. Aber warum sollte es nicht möglich sein, dass eine neue Koalitionskonstellation mit einem innovativen Regierungsprogramm auch neue Wege in der Familienpolitik geht?

 

Prof. Dr. Klaus Stüwe, Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft,
Direktor des Zentralinstituts für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG), Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Weihnachten, das Fest der Liebe und der Betreuungsengpässe? von Dr. Peter Wendl (ZfG)

Die Weihnachtszeit ist – vor allem in Zeiten zunehmender Säkularisierung – für die meisten Deutschen das ultimative Fest der Familie geworden. Diese Feiertage lenken den Blick auf unsere wichtigsten Beziehungen des Lebens. Das spüren Soldatenfamilien speziell, wenn ein Angehöriger im Auslandseinsatz ist. Paare müssen dann über weite Entfernung getrennt verbunden sein und Eltern gewissermaßen „entfernt zusammen“ erziehen. Für viele Soldatinnen und Soldaten und ihre Angehörigen mit minderjährigen Kindern stellt sich in diesen (und in allen) Ferienzeiten eine elementare Aufgabe besonders intensiv: die Kinderbetreuung.

Studie zur Lebenswirklichkeit von Soldatenfamilien

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages legte im Juli 2017 eine Studie zu den Gegebenheiten der Kinderbetreuung von Soldatenfamilien vor, deren wichtige Erträge es wert sind, weitergedacht zu werden. Hier ist nicht der Ort um gesellschaftlich oder gar moralisch zu analysieren, warum ggfs. beide Eltern berufstätig sein wollen oder müssen. Vielmehr lohnt in einem ersten Schritt der Blick auf die Wirklichkeit, um zu erkennen, dass die Voraussetzungen im Ehe- und Familienleben, wovon die Bundeswehr in Bezug auf die Kinderbetreuung ausgeht, nur noch teilweise bestehen.

Das Credo, dass zudem „die Aufgabe, die Betreuung der Kinder sicherzustellen, grundsätzlich in der originären Zuständigkeit der Länder und Kommunen liegt“ (vgl. www.bundestag.de), geht von der Selbstverständlichkeit aus, dass genügend Betreuungsplätze vorhanden sind. Ein Blick auf die empirischen Zahlen hilft weiter: 2016 wuchsen die in Deutschland lebenden minderjährigen Kinder beispielsweise zu ca. 70% in Familien mit Ehepaaren, ca. 10% in unverheirateten Lebensgemeinschaften (mit entsprechenden rechtlichen Einschränkungen bei der Betreuung) sowie zu etwa 20% bei Alleinerziehenden auf.

Zudem wird von allen Partnerschaften (also Soldatenfamilien eher mehr) etwa jede achte als Fernbeziehung gelebt, was zusätzliche Engpässe für die Betreuung von Kindern erzeugt.

Wenn die grundsätzliche Betreuungsleistung also von den Kommunen und den Ländern zu gewährleisten ist, lohnt der zweite Blick auf die allgemeinen Angebote: Hier besteht zwar seit August 2013 Anspruch auf einen Betreuungsplatz, sobald das Kind 1 Jahr alt ist. Tatsächlich aber fehlen 293.000 Plätze für unter Dreijährige. Gut 13 % der Altersgruppe ist, laut Wissenschaftlichem Dienst des Bundestags, an gewünschter Betreuung unterversorgt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf/Dienst wird für viele Eltern noch schwieriger, wenn das Kind eingeschult wird. Da auch die Nachmittagsaktivitäten und die Betreuung der Hausaufgaben viel Zeit in Anspruch nimmt. Deshalb wünschen laut gleicher Studie 65 % aller Eltern und sogar 76 % der Eltern mit Kindern im Grundschulalter den raschen Ausbau von Ganztagsangeboten.

Wie versucht wird, der Betreuungslücke zu begegnen, zeigen durchaus hervorragende Aktivitäten im Kontext der Agenda „Aktiv. Attraktiv. Anders. – Bundeswehr in Führung“. Hierzu zählt schon jetzt der Ausbau der Kinderbetreuung. Dennoch: Der Leitsatz, dass die Betreuung der Kinder sicherzustellen, grundsätzlich noch immer in der originären Zuständigkeit der Länder und Kommunen liegt, kann so nicht mehr greifen.

An großen Standorten beispielsweise kann der Bedarf nicht vollständig gedeckt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Angehörige weit entfernt vom Standort leben. Methodisch wird, so führt der wissenschaftliche Dienst aus, dem Problem überwiegend so begegnet, dass seit 2014 die Standortältesten den Bedarf am jeweiligen Standort erfassen und die Beauftragte für die Vereinbarkeit von Familie und Dienst in der Bundeswehr bezüglich des Defizits informieren. Deren Aufgabe ist es, auf Basis dieser Zahlen ein flexibles Kinderbetreuungsangebot zu entwickeln. Bei jetziger Personalstärke ist dies kommunal nicht zu leisten. Das bedeutet, nach heutigem Stand, dass, ebenfalls leider nur schätzbar, 30% des Bedarfs der Soldatenfamilien nicht abgedeckt werden kann. Ganz zu schweigen von der angestrebten Aufstockung der Bundeswehr, die vermutlich einen zusätzlichen Bedarf im mittleren dreistelligen Bereich mit sich bringen wird. Diese Überlegungen berücksichtigen noch nicht die gewaltige Aufgabe der Betreuung für schulpflichtigen Kinder.

Zusammenfassend gilt, dass viele der genannten Bedarfseinschätzungen von Soldatenfamilien nur auf Schätzungen oder Defizitmeldungen aus den Standorten beruhen. Was aber letztlich wirklich für deutsche Soldatenfamilien langfristig nötig und auch gesellschaftlich möglich wäre, gilt es überhaupt erst in Erfahrung zu bringen; auch um von einem defizitorientierten Ansatz zur aktiven Gestaltung der Bedürfnisse zu gelangen.

Eine aus meiner Sicht dringend notwendige empirische Studie zur Lebenswirklichkeit von Soldatinnen und Soldaten würde diese und weitere wichtige Lebensgegebenheiten unserer Soldatinnen und Soldaten verstehen helfen (z. B. auch im Kontext der Pflege von Angehörigen). Die Erkenntnisse aus einer systematischen Studie über die Lebenswirklichkeit unserer Soldatinnen und Soldaten könnten nicht nur für die Möglichkeiten der Attraktivitätssteigerung des Soldatenberufs „bahnbrechend“ sein. Vielmehr könnte sie auch für eine passgenaue Unterstützung in den konkreten Herausforderungen der Vereinbarkeit von Familie und Dienst von wertvoller Bedeutung sein. Zudem könnte eine Vernetzung mit den Kommunen erleichtert werden.

Weihnachten steht vor der Türe. Noch immer, oder mehr denn je, das ultimative Fest der Familie. Und noch immer ist es das Fest der Liebe. Das gilt besonders für jene, die an diesen Festtagen die liebevolle Kinderbetreuung familienbedingt oder wegen Auslandsverwendungen alleine zu Schultern haben.

Dr. Peter Wendl Wissenschaftlicher Projektleiter am Zentralinstitut für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG)

Kompass Dezember 2017

Kompass_12_2017.pdf

Auch der November war wieder ein ereignisreicher Monat für die Katholische Militärseelsorge. Einige exemplarische Berichte haben in der Ausgabe 12/17 Platz gefunden: vom Besuch des Militärbischofs im NATO-Headquarter und bei der Soldatengemeinde in Neapel, vom Rupert-Mayer-Gottesdienst in München und Personalveränderungen, von der Einsatzbegleitung in Mali und dem St. Martinsfest in den USA, … In den vielfältigen Rubriken schreibt der Wehrbeauftragte über die „Schwierige Trendwende beim Personal“, im „Kompass Glauben“ geht es um Engel, beim Lebenskundlichen Unterricht um den Schmerz, in den Medientipps um adventliche Film-, Buch- und Medientipps sowie schließlich „aus dem Archiv“ um die Zeit vor 50 und vor 75 Jahren.

3.4 M
Shadow