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Etwas gut Gewordenes - Von der Wehrmachtstradition zur Armee der Demokratie

Ich habe neulich einmal wieder den Spielfilm „Schtonk!“ gesehen, diese geniale schwarze Helmut-Dietl-Komödie über die Hitler-Tagebücher, Fake News in den 80ern: mit Götz George als schmierigem Stern-Enthüllungsjournalisten und Uwe Ochsenknecht als Meisterfälscher. Das ist wirklich passiert. In einer Szene zitiert der liberale Verlagsboss (Ulrich Mühe) Verszeilen aus einem Wehrmachtslied und erklärt auf überraschte Nachfrage von Harald Juhnke, das habe er in seiner Wehrdienstzeit bei der Bundeswehr gesungen.

Am Anfang steckte noch ganz viel alte Wehrmacht in der neuen Bundeswehr: kriegserfahrene Ausbilder und Generale, Nazi-Fanatiker als Namenspatrone von Kasernen, Schleifermethoden und Gedenkfeiern für Weltkriegseroberungen.

Das Durchsetzen der Bundeswehr als bewusste Neugründung demokratischer Streitkräfte in der neuen Bundesrepublik war eine Schlacht für sich, verstand sich ganz offenbar nicht von selbst. Viele ehemalige Soldaten konnten sich gar nichts anderes vorstellen, als mit einer Wiedergründung an Wehrmachtstraditionen anzuknüpfen.

Um Kontinuitäten des Militarismus, Revanchismus, Nationalismus und des Führergehorsams in einem verbrecherischen Angriffs- und Vernichtungskrieg entgegenzuwirken, sie abzubrechen und durch eine freiheitliche Wertebindung zu ersetzen, gibt es deshalb diese beispiellos enge Bindung jedes Bundeswehreinsatzes an ausdrückliche Beschlüsse des Parlaments. Deshalb die starke Stellung des Verteidigungsausschusses und des Wehrbeauftragten. Deshalb Beschwerderecht, Vertrauensleute, Personalräte, Vereinigungsfreiheit (Soldatengewerk-schaft), volles aktives und passives Wahlrecht, Ethikunterricht und politische Bildung. Und deshalb die Prinzipien des Staatsbürgers in Uniform und der Inneren Führung als Balancegewicht gegen das natürlich weiterhin geltende militärische Funktionsprinzip von Befehl und Gehorsam.

Selber denken; eigene rechtsstaatliche Maßstäbe für Gut und Böse, für Richtig und Falsch im Kopf haben; Gewissensfreiheit und Verantwortung für das eigene Handeln; wissen, für welche freiheitlichen Werte man im Ernstfall kämpfen müsste, kämpfen will, sein Leben einsetzt – das ist Innere Führung. Dieses Land will mündige, demokratische, selbstbewusste, gute Soldaten. Komplizierter ist es nicht.

Wer die freiheitliche Ordnung bekämpft oder ablehnt, die unsere Bundeswehr verteidigt, kann kein deutscher Soldat sein! Darauf ist bei Einstellung, Ausbildung und im Dienstbetrieb zu achten. Für politischen Extremismus gilt „Null Toleranz“, jedenfalls soll es so sein. Wachsamkeit bleibt nötig.

Seit ihrer Gründung ist die Bundeswehr in mehr als sechs Jahrzehnten einen langen Weg gegangen – weg von Wehrmachtstradition und nur formaler Loyalität zum republikanischen Staat hin zu einer Armee der demokratisch Engagierten, einer Armee, die nicht nur in einer Demokratie existiert (wie die Staat-im-Staate-Reichswehr), sondern die selbst von Demokraten geformt wird. Ich kenne viele Angehörige der Bundeswehr, die sich engagieren, in Parteien und Kommunalparlamenten, im Sportverein, in den Interessenvertretungen der Soldaten, im sozialen Bereich. Das ist nicht selbstverständlich, sondern etwas gut Gewordenes.

Das Hin und Her im Meinungskampf um die Herausbildung der besten Staatsbürger-Armee, die Deutschland je hatte, wäre ein gutes Thema für die politische Bildung in der Truppe. Dafür muss Geschichte nicht entsorgt, sondern erklärt, eingeordnet, zum Lernen genutzt werden, zum Beispiel durch Unterricht, der nicht nur thematisiert, was ist, sondern auch Vorverständnisse anspricht, die sich bei manchen jungen Soldaten aus einseitiger Mediennutzung und problematischen Milieus ergeben. Erziehung und Ausbildung sind immer möglich, eine permanente Chance, Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Dr. Hans-Peter Bartels
Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages

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